Texte von Hugo Rupp

Erbarmen

 

Vor ihm war ein kleines Beet. Die roten und gelben Blumen sahen müde aus. Es tat ihm fast weh, sie zu betrachten. Es war, als würden sie dort im Schatten der Hochhäuser ohne Sonnenschein zum Blühen gezwungen.

Taichi Yamada Auf der Suche nach einer fernen Stimme

Unheimlich klagend war die Mutter, Vater lächelte. Er lächelte, er schlug, und sie verschwand. Erzählte mir Geschichten vom nicht mehr aufwachen. Erst wenn sie wach ist, darf ich mich wieder rühren.

Sie fragen mich, „wie man seinen Körper langsam aber sicher beruhigen und ihm endlich das Gefühl geben kann, sich nicht mehr fürchten zu müssen“. Ich denke, dass man dies nicht kann, wenn man nicht weiss, weil man nicht wissen will, WOVOR er sich fürchtet. Er hat immer gute Gründe für diese Furcht und kann sich beruhigen, wenn er die Gründe kennt und realisiert, dass die REALE Gefahr von früher heute nicht mehr besteht.

Aus Leserpost: Das Gefängnis der Schuldgefühle Thursday 14 September 2006 © 2016 Alice Miller – all rights reserved.

Die Blicke voller Hass.

Ich kann ihn suchen, wenn er nicht da ist, aber ihn nicht hängen, wenn er nicht da ist. Man könnte sagen wollen: < Dann muß er doch auch dabei sein, wenn ich ihn suche. > – Dann muß er auch dabei sein, wenn ich ihn nicht finde, und auch, wenn es ihn gar nicht gibt.

Ludwig Wittgenstein

Wenn Vater mit mir sprach, kam immer der Moment, dass er mich stehen ließ, mich schlug, beschimpfte oder auslachte. Wenn ich verärgert war, dann nannte Vater das gehässig. Er drehte alles um, zu seinen Gunsten, gegen mich. Ich kam tatsächlich niemals ungeschoren weg.

Wie geht es ihm? Wie geht es ihm dabei, wenn er mich schlägt. Wie ging es ihm dabei, versuchte ich als Kind mir zu ergründen. Wie ging es ihm dabei.

Du musst auch deinen Vater mal verstehen, sagt Mutter immer wieder. Du musst auch einmal ihn verstehen lernen.

Dabei hab ich geweint und so verletzt geschaut.

Wie ging es mir dabei, hat niemand interessiert. Wie geht es einem kleinen Kind, wenn es geschlagen und getreten wird. Was mich betrifft, hat später niemand mich gefragt, wie es mir dabei ging.

Ich möchte nur hinzufügen, dass die Fügsamkeit der Erwachsenen nicht so selbstverständlich und nicht so leicht zu bekommen wäre, wenn unser Gehirn nicht in der Kindheit von Anfang an hätte lernen müssen, den Missbrauch als ganz normal zu erleben. DAHER ist der Erwachsene später unfähig, die Wahrheit zu erkennen und sich gegen die Ausbeutung zu wehren.

Aus Leserpost: Ausbeutung Sunday 14 February 2010 © 2016 Alice Miller – all rights reserved.

Jetzt hat dich doch der Mut verlassen!?

Ich dachte doch, ich wäre feige, wenn ich mich als verletzt, verwundbar und empfindlich hinstellte.

Schau dich nur an. Wie du nur wieder aussiehst. Was weinst du denn!? Bist doch selbst schuld daran.

Er wollte mich nicht von der Seite sehen. Kein Aufgeben, kein Jammern, kein Mitleid, kein Klagen und was dazu sagen. Kein Wort, und auch kein Ton. Kein gar nichts, nur Ertragen. Stummes Ertragen von Gewalt.

Da bleibst! Du bleibst gefälligst da! Sonst hau ich dich die Treppe runter. So schrie ich meinen Neffen an, da war er zehn.

Ich sollte einst auch nicht wegrennen. Ich sollte nicht mal unter Tränen Zuflucht unter unsrem Esstisch finden. Mein Vater zog mich immer wieder raus.

Da bleibst! Jetzt hab ich dich. Komm da gefälligst raus. Und werd nicht frech. Sonst setzt es noch etwas.

Fredericks hatte gehört, daß die Gefangenen eine Geschichte hatten: Jeden Abend, monatelang, hatte um Punkt neun Uhr in einem der Fenster der Stadt ein Licht gebrannt, das nur für die Männer im oberen Stockwerk eines Blocks sichtbar war, und jeder einzelne von ihnen konnte darüber nachsinnen und sich einbilden, es leuchte für ihn allein. Doch das war bloß eine Geschichte, etwas, was die Menschen erzählen, etwas, womit man sich die Zeit vertreiben kann, die die Gewalt in einem Mann braucht, um ihn zu verschleißen oder selbst verzehrt zu werden, je nachdem, wer die Kerze ist und wer das Licht.

Denis Johnson Engel

Der unbewusste Kampf um Anerkennung einst verdrängter Schmerzen. Ich höre Vaters schallendes Gelächter, wenn ich versuchte mich zu wehren und von ihm wegzukommen.

Unschuldig war ich, und er schlug mich, deswegen hatte ich solch eine Angst.

In Otterthal (auch: Ottertal) wurde Wittgenstein für eine kurze Zeit “sesshaft”. Er wohnte, wie andere Lehrer auch, in der Schule; sie steht noch heute. Jeder hatte dort ein Zimmer für sich, allerdings gab es keine Kochgelegenheit. Die Lehrer, auch Wittgenstein, aßen daher in Rottensteiners Gasthof „Zur Post“.

Otterthal war von 1924 bis 1926 die letzte Station Wittgensteins als Volksschullehrer. Sein Aufenthalt endete unglücklich. Wie aus vielen Berichten hervorgeht, neigte Wittgenstein dazu, die Schülerinnen und Schüler – ganz entgegen der glöckel’schen Schulreform – körperlich zu bestrafen. In Otterthal führte dies zu einer Katastrophe. Wittgenstein hatte einem Schüler ein paar Ohrfeigen gegeben. Der Schüler, der, wie sich später herausstellte, an Leukämie litt, wurde ohnmächtig. Beim Dienstaufsichtsverfahren wurde Wittgenstein zwar von jeder Schuld freigesprochen, aber er schied dennoch auf eigenen Wunsch aus dem Schuldienst aus.

Aus: Österreichische Ludwig Wittgenstein Gesellschaft, www.alws.at

Bei jedem Anruf, jedem Ton, bei jeder noch so kleinen Äußerung, aus Angst, es könnte gleich etwas passieren. Die Anspannung als drohende Gefahr. Ich war im Geiste und im Körper so dressiert, auf Leid nur mehr erbarmungslos zu reagieren. Als ich mich selbst nicht mehr erbarmen und verschonen konnte.

Zu ihrer eigenen Mutter hatte sie gesagt – als sie wie aus heiterem Himmel und ohne Entschuldigung während der Mahlzeit mit rotem Gesicht und vollem Mund aufgestanden war: „Frau! Gehst du je in dich? Gehst du je in dich und erkennst, was du nicht bist? Gott!“ Sie hatte es ausgerufen und sich wieder auf den Stuhl sinken lassen und auf ihren Teller gestarrt: „Malebranche hatte recht: wir sind nicht unser eignes Licht! Wir sind nicht unser eignes Licht!“ Mrs. Hopewell konnte sich noch heutigentags nicht erklären, wodurch es verursacht worden war. Sie hatte nur eine kleine Bemerkung gemacht – und gehofft, Joy würde es sich zu Herzen nehmen -, daß ein Lächeln noch nie jemand wehgetan habe.

Flannery O’Connor Brave Leute vom Lande

Der Vater schlägt mich, und Mutter wünscht sich Besserung von mir.

Erbarmen wäre Feigheit. Feigheit vor seinem Kind als Feind. Nie nachzugeben wäre Stärke. Und Lächeln unter Schmerzen ein Geschenk. Das Falsche habe ich gelernt. Ich hätte mich mit Tränen nicht erkannt. Ich hätte mich selbst damit nicht begnadigt. Ich fand nicht mal mehr Gnade vor mir selbst.

Nur mehr Verachtung für den Schmerz. Als würde ich die Unschuld nie beweisen können. Jetzt weiß ich auch, warum ich vor Behörden und Institutionen solch eine Scheu und Angst und Abneigung und Hass zugleich verspürt hatte. Die selbe Gnadenlosigkeit, Erbarmungslosigkeit im Umgang mit mir selbst und anderen.

Mein Warten auf Bestrafung.

Jetzt kommst du schon wieder! Hörst du nicht, wie das knarzt!? Musst du gleich immer rennen!? Kannst du nicht einmal leise sein!? Tritts du schon wieder auf die Schwelle!? Hab ich dir nicht gesagt, dass du aufpassen sollst!? Jetzt bist du hingefallen, schau!? Hab ich dir nicht gesagt, du sollst nicht auf die Schwelle treten!? Jetzt hast du dir den Kopf am Türrahmen auch noch angeschlagen. Geschieht dir recht. Fang nur jetzt nicht auch noch zu trenzen an! Bei jedem Dreck gleich weinen und zu deiner Mutter rennen.

Wenn ich mich Vater wirklich gegenüber stellte?

Solange ich, geschlagenes Kind, Erbarmen für den Vater suchte, mildernde Umstände für ihn und sein Verhalten, hielt sich die Angst in mir, weil ich ihn immer so entschuldigt hatte. Verständnis aufgebracht.

Ich war so einsam, weil ich nichts mehr von mir wollte und nichts mehr von mir würdigte; egal was ich auch tat. Ich konnte mich selbst nicht erbarmen, vor nichts und niemandem. Ich war so einsam für mich selbst, ohne Erbarmen. Das habe ich gelernt: Erbarmen bei den andern suchen, finden müssen.

Wenn ich jedoch begreifen kann, dass meine Wut Erbarmen ist, tatsächlich für mich selbst, dann hört die Einsamkeit auch auf. Dann bin ich nicht mehr das geschlagene, alleingelassene Kind, ausschließlich Opfer der Erbarmungslosigkeit. Dann bin ich nicht mehr ohne Gnade. Wenn ich Erbarmen für mich habe, dann hört die Angst vor meinem Vater und der Mutter auf.

So lange ich nur außerhalb Erbarmen für mich suchte, kam ich der eigenen Erbarmungslosigkeit nicht auf die Spur. Ich suchte ausserhalb Erbarmen, weil ich kein eigenes empfand.

Jetzt weiß ich auch, was meine Wut mir schon so lange sagen möchte. Erbarmungslosigkeit vermittelt nur Verachtung und führt zur Selbstverachtung von Gefühlen. An sich Erbarmen und Gefallen finden aber heißt, dass die Gefühle wertvoll sind. Und damit lernt ein Kind sich selbst zu schützen. Die Selbstverachtung kann verschwinden.