Texte von Hugo Rupp

Die Angst zu fühlen

 

Nachträglich ist es mir unmöglich die Geschichte von Anfang an so zu erzählen, als wüsste ich nicht, wie sie ausgeht.

Der Anfang hatte nichts mit dem Unglück zu tun. Es gab das Unglück nicht an diesem Tag, bis zu einer bestimmten Zeit, die ich nicht kenne. Da war der Junge noch am Leben und atmete und freute sich.

Wir hatten ihn alle nicht gesehen. Dabei war er genau an unserer Stelle, an der wir Wasserball spielten, ertrunken. Zwischen den Stempen, die das tiefe Wasser vom Wasser, wo man als Erwachsener noch stehen kann, trennen. Die Stempen sollten die Grenze zwischen Schwimmern und Nichtschwimmern markieren. Wir spielten dort schon seit Stunden. Zwischendurch gingen wir immer wieder aus dem Wasser und legten uns in die Sonne zum trocknen, oder legten uns auf die von der Sonne erwärmten Bretter, auf den Steg bei den Umkleidekabinen. Wir hatten hier alle das Schwimmen gelernt. Wir waren über die Sommerferien fast jeden Tag hier. Wir kannten uns fast alle vom Gesicht her. Wir haben Fremde gesehen, wir achteten nicht sonderlich darauf. Den Jungen und seinen Freund hatte ich nie vorher gesehen. Ich habe ihn nicht im Wasser gesehen und seinen Freund auch nicht. Wir haben ihn alle nicht gesehen, obwohl er unter uns am Boden lag und nicht mehr lebte. Genau an der Stelle, wo wir Wasserball spielten und immer wieder tauchten. Später habe ich mir immer vorgestellt, ich tauche und sehe ihn. Plötzlich ist er da, und ich erschrecke zu Tode. Aber er ist nie da gewesen. Weil er tatsächlich für uns nicht da war, obwohl er wirklich da schon tot war und unter uns lag.

Ich weiß nicht mehr genau, was mich am meisten abstieß und vollkommen verzweifelt an diesen Ort und dieses Geschehen fesselte, so sehr, dass ich mich mit niemandem mehr darüber unterhalten wollte. Ich hasste alle und dafür hasste ich mich selbst auch, ich musste mich doch hassen, wenn ich alle hasste. Aber am meisten hasste ich die Erwachsenen, alle, ohne eine Ausnahme. Ich schaute später immer absichtlich weg, wenn jemand etwas von einem Unglück, einem Unfall erzählte. Alle redeten über das Unglück und den Hergang. Alle redeten darüber, wie es passierte, wie es wahrscheinlich passiert war, aber keiner redete von den Unglücklichen. Sie redeten, während wir außerhalb des Zauns standen, weil der Besitzer des Sees und die Wasserwacht alle Badegäste aufgefordert hatten das Gelände zu verlassen, vom möglichen Hergang, während der Freund des Jungen allein auf dem Rasen stand. Er hatte kurze Hosen an und hatte sich vor Angst eingenässt. Wir konnten das sehen, und ich weiß noch, dass einer der Erwachsenen eine Bemerkung darüber machte und seine Frau darüber lachte. Wenn ich den Jungen dort stehen sehe, überkommt mich eine Wut, die mir die Tränen in die Augen treibt, so allein gelassen haben sie ihn dort am Rasen, während er voller Angst darauf wartete, dass sie seinen Freund tot aus dem Wasser ziehen würden. Er hatte lange gewartet, bis er am Eingang etwas sagte, dass sein Freund nicht aus dem Wasser zurückgekommen sei und dass sein Freund nicht schwimmen kann. Wir standen da und sahen den Jungen, wie er immer wieder von einem Bein auf das andere hüpfte. Er zitterte fürchterlich, während die beiden Taucher, zuerst weiter draußen, immer wieder auf und untertauchten und bei jedem Auftauchen den Kopf schüttelten. Der Junge konnte nicht schwimmen, also war er nicht nach draußen geschwommen, soviel wussten wir alle. Trotzdem konnte er abgetrieben worden sein, nicht weit, aber trotzdem, wie immer wieder jemand von uns Zuschauern sagte. Ich wollte nicht gehen. Ich wollte mir das anschauen. Ich musste mir das anschauen. Ich kann mich nicht erinnern, wer neben mir stand und wer noch da war, und ob jemand nach Hause gegangen ist. Ich habe keine Erinnerung mehr an die Leute, die neben mir gestanden sind. Ich schaute auf sie und sah genau, was sie sagten und was sie taten, aber ich habe keinen einzigen Namen im Gedächtnis behalten und kein Gesicht. Ich weiß, wie sie geschaut haben und was sie sagten und was sie über das Unglück bemerkten und wie sie allmählich dann weggingen und den Ort verließen. Ich kann mich aber an keine Nähe erinnern, an keinerlei Verbindung zwischen mir und einem einzigen Menschen, während wir alle da standen und zusahen. Sie redeten von den beiden Jungen, dass sie von einem Bauernhof stammten und dass sie beide nicht schwimmen konnten, wie die meisten Kinder und Eltern damals, die von Bauernhöfen stammten. Weil die Eltern sich meistens weigern, ihren Kindern etwas bei bringen zu lassen, was sie selbst nicht lernen durften, was sie selbst nicht lehren können. Ich hörte zu, während die Taucher sich der Stelle annäherten, wo wir Wasserball gespielt hatten. Sie kamen immer mehr ins seichte Wasser. Ich wollte nicht gehen. Es gingen Leute, die sich das nicht anschauen wollten. Ich nicht. Ich hatte keine Angst. Ich wollte keine Angst haben. Ich zeigte auch keine Angst. Ich zeigte überhaupt keine Angst. Ich stand unter den Erwachsenen und schaute stur und wartete beharrlich, wie ich heute weiß, auf das Furcht erregende, weswegen ich doch blieb und mich mit allen anderen verbündete. In unserer Art das Unglück sehen wollen. Das Unheil endlich kommen sehen. Dass Unheil endlich doch begreifen. Er muss nur ausgerutscht sein, sagte einer. Er rutscht auf den Steinen aus und taucht unter. Er atmet und schon ist er weg. Deine Lungen saugen sich voller Wasser und du bist tot, ehe du dich versiehst.

Ich stand wieder da, um das Unheil zu begreifen und den Tod zu sehen, wieder einen toten Jungen zu begreifen. Keiner gab mir einen Hinweis auf den Tod. Niemand sprach von einem Unglücklichen. Niemand sprach von einem langen Sterben. Wenn du gleich weg bist, hast du keine Chance, sagte einer. Keine Chance, überhaupt. Keiner sah den Raum zwischen uns, dass ich nicht verstand, was sie sagen wollten, was sie überhaupt verstanden. Schutzlos war ich hier, wie der Junge auch im See, wie der Junge, der sein Freund war, da stand und sich immer wieder schüttelte. Schutzlos, ohne eine Art Erklärung, die mehr sagt, als sture Worte; keine Rührung war in diesen Worten. Nichts was einen Schmerz begriff und die Angst in uns. Ich sah den Jungen dort stehen und niemand kümmerte sich um ihn. Allmählich hasste ich auch ihn, wie er nur da stand und sich anschauen ließ, wie er immer noch von einem Bein aufs andere tänzelte. Es brach jetzt aus, das Furcht erregende, das mir immer näher kam, dem ich nur mit Hass und Wut begegnen kann, jenes Furcht erregende, dem ich nicht begegnen durfte, das ich mir nicht merken hatte dürfen, schon von Anfang an nicht, das ich niemals wieder fühlen, spüren, das ich mit den Sinnen förmlich einsog, als ich klein war und viel kleiner noch, jene Angst vor meinen Eltern, denen ich schutzlos ausgeliefert war, jene Angst vor meinen Eltern, dieses Furcht erregende, das ich niemals zeigen durfte, in der Gegenwart der Eltern, meine Angst vor ihnen. Zeigte ich die Angst, wurde seine Wut noch schlimmer, zeigte ich die Wut, wurde ihre Angst entsetzlich, denn dann ließ sie mich noch mehr allein.

Hier am See bin ich vereinigt, mit dem Zorn, den ich nicht zeigen durfte, nur mit meiner Angst bekleidet, die ich in mir tragen muss.

Wie ein Kampfhund bin ich selbst geworden, rieche jede Art von Angst. Ich bin Furcht erregend selbst geworden, jedes Kind das Furcht ertragen musste, angstlos sich selbst äußerte, noch im Angesicht des Schlages. Furchtlos hab ich mich gemacht, weil die Furcht mich aufgefressen hat. Ich bin Furcht erregend auch gewesen.

Jener Junge dort am Rasen, zeigt die Angst wie nichts vorher. Dieser Junge ist mein Zeuge, für den Schrecken. Niemand sah dahin, und ich hasste plötzlich diesen Jungen, der nur Angst ausströmte, diesen armen und verletzten kleinen Jungen, der sich furchtbar ängstigte, vor dem nächsten, was dann kam. Was uns alle gleichermaßen hier hielt, festhielt. Unglück, Unheil, ohne eine Rührung, ohne ein Entsetzen. An der Stelle näher noch am Ufer, hinter jenen Pfosten, zwischen denen wir tatsächlich noch vor einer halben Stunde spielten, tauchte der eine der beiden Taucher auf. Doch dieses Mal zeigte er nicht, wie bei jedem vorhergehenden Tauchgang, beide leeren Hände her, als Zeichen dafür, dass er nichts gefunden hatte. Tauchte nicht gleich wieder unter. Er stand auf und in seiner rechten Hand hielt er fest ein Bein. Ich hasste diesen Moment, weil er alles zerstörte, weil er die Drohungen und Mahnungen meiner Mutter, die Freudlosigkeit, das drohende Unheil, wenn man nicht aufpassen würde, bestätigte. Er bestätigte meine Mutter, dass der kleinste Fehler einem das Leben kosten konnte. Insgeheim beschimpfte ich tatsächlich den ertrunkenen Jungen. Ich schimpfte wie mein Vater, ohne eine Ahnung von der Angst, die in mir nicht zum Vorschein kommen konnte. Ich beschimpfte in mir einen toten Jungen. Einen erst Ertrunkenen.

Der Taucher zog den Jungen hinter sich her, bis zum Rand. Dort nahmen er und der andere Taucher den Jungen an Armen und Beinen; und trugen ihn zur Wiese und legten ihn auf den Boden ins Gras. Sein Freund schaute zu und einer der Taucher legte dem Jungen eine Hand auf die Schulter. Der tote Junge wurde mit einer Decke zugedeckt. Ich habe mich nicht gefürchtet. Tatsächlich ärgerte ich mich, was jetzt passiert war, dass alles beendet war. Dass es keine weiteren Erklärungen gab. Dass niemand mehr etwas sagen wollte, dass alles jetzt vorbei war. Ich schimpfte auf die Blödheit dieses Jungen, der nur ausrutschte, der nicht besser aufgepasst hatte. Ich schimpfte über seine Nachlässigkeit, die uns soviel Aufhebens und Sorgen bereitet hatte. Ich schimpfte darüber, dass der tote Junge, wie auch sein Freund, uns übrigen, die wir mit der Sache nichts, aber auch gar nichts zu tun gehabt hatten, diesen Tag, diesen See und das Vergnügen verdorben hatten. Wo wir doch nichts dafür konnten. Wir wollten doch nur unseren Spaß haben und baden und schwimmen und Wasserball zwischen den Pfosten spielen, und dieser Junge hatte uns das ein für allemal zerstört, zumindest verdorben. Ich bebte, ich kochte, ich war wütend und zornig auf dieses ganze Getue, jetzt auf diese Stille und betretene Ruhe. Verdammt noch mal, dachte ich. Es ist vorbei, jetzt kann wieder geredet werden. Aber die Menschen redeten nicht. Sie gingen einfach weg und fuhren heim. Sie verabschiedeten sich nicht. Sie ließen mich allein. Es war wie immer. Sie redeten von den Gefahren, von den Unglücken und dem Aufpassen. Sie redeten wieder nur von Sachen und niemals von sich selbst. Es war schon wieder vorbei. Ich konnte es nicht fassen, dass niemand mich mit meiner Angst begreifen wollte. Nicht einmal ich, ich selbst begriff die Angst jetzt nachträglich, als eine Wut, die sich mit Schrecken äußern wollte, mit Schrecken und Erschrecken, vor mir und allen anderen. Ich redete daheim von diesem toten Jungen, und niemand hörte mir zu. Sie interessierten sich nicht für meinen Schrecken. Das war das völlig unverständliche für mich, dass ich mit Schrecken und Erschrecken jetzt meine Schreckensgeschichte erzählen wollte, und niemand wollte sie von mir hören. Vater schüttelte den Kopf und meine Mutter drehte sich weg. Sie wollten nicht hören. Ich redete davon, wie der Taucher den Fuß des Jungen gehalten hatte, wie er ihn im Wasser auch verdrehte, dass der Fuß und das Bein gleichermaßen verdreht wurden und wie es ausgesehen hatte, wie sie mit einer karierten Decke den toten Jungen bedeckt hatten. Ich erzählte, aber niemand wollte meine Geschichte hören. Ich hatte das Unglück gesehen und die Unglücklichen und niemand wollte mir bei meiner Erzählung zuhören.

Ich kam nie auf den Gedanken, dass sich meine Eltern schreckten, dass es etwas gab, das sie selbst erzählten, eine gleiche Art Schrecken, die sie aber aus dem Munde eines anderen nicht hören wollten, weil sie selbst nichts hören wollten, was sie indirekt betraf, was sie so vielleicht auch wirklich traf.

Kann es sein, dass sie von meiner Kälte Angst bekamen, dass ich Furcht erregend jetzt für sie auch war? Dass sie ihren Schatten jetzt erkannten, und entsetzt das Weite suchten. Ein Sadist der sich vor Grausamkeit selbst fürchtet, eine Tote die vor Toten plötzlich zurückschreckt. Kann es sein, dass sie niemals sich selbst erfühlten, was sie taten, wie sie sind, wie sie für mich waren?

Dort am See war ich unter allen Toten. Dort war ich auch in dem Freund, der sich in die Hose machte. Ich war auch der Taucher. Und das war kein Traum. Ich war alle diese Menschen, ohne Rücksicht auf Verluste und ich war das Kind, das sich furchtbar ängstigte. Ich war auch der tote Junge, der jetzt endlich Ruhe hatte, der dort auf dem Rasen lag, unter einer Decke. Wie ich auf der Luftmatratze lag, nach dem langen Baden abgekühlt, lag ich auf dem Bauch und die Mutter legte mir die Decke auf den Rücken, denn ich lag nun auf dem Bauch und die flachen Hände unter meinen Knien, seitlich schaute ich nach rechts und die Sonne schien auf mein Gesicht, halb verdeckt und ich atmete ganz tief, immer tiefer, dass ich endlich meine Angst entdeckte, bis ich endlich meine Angst dann sah, die ich immer schon verspürte, vor den Menschen in der Nähe. Meine Angst, die ich niemals sehen konnte, die ich nicht mehr zeigen durfte, meine eigne Angst und Wirklichkeit, kleines Kind allein geboren, kleines Kind allein, nur bewaffnet mit der Wut. Nur bewaffnet mit der Wut. Kleines Kind allein gelassen. Kleines Kind allein. Ohne diese Angst gibt es keine Wut. Ohne meine Kinderangst gibt es keine Wut. Der wirkliche und tatsächliche Schrecken, der in mir entstanden ist, durch die Schläge und die Drohung immer wieder durch den eignen Vater. Dass ich niemals widersprechen durfte, dass ich mich nicht melden durfte, dass ich selbst niemals gegen meinen Vater und die Art von Handlung und Behandlung, die er mir und allen anderen angedeihen ließ, niemals ihm entgegen reden durfte. Dass er alles niederschlug, ganz besonders auch die Angst, die in mir zum Vorschein kam, vor ihm und der Art und Weise seines Tun. Dass ich ihm, auch wenn er mir Furcht erregend drohte und mir mit dem Totschlagen drohte, niemals meine Angst dann zeigen durfte, weil die Angst selbst sein Signal für den Totschlag war. Wenn du jetzt nicht aufhörst mit der Schreierei, bringe ich dich um. Wenn du dich nicht endlich aufhörst selbst zu wehren, bringe ich dich um! Wenn ich schreie, hör ich das. Wenn ich Kinder schreien hörte, hörte ich die Stimme dieser Drohung. Immer hörte ich den Schrei.

Doch nun höre ich das Weinen. Es ist mir nie in den Sinn gekommen, dass das Weinen nicht das Schreien ist. Dass die Angst nicht notgedrungen schreit. Dass mein Schreien einst mein Weinen war, unschuldig wie das eines jeden Kindes. Vater schlug mein Weinen nieder, Mutter ließ mich mit ihm stets allein. Dass mein Weinen nun die Wut ersetzt, dass mein Weinen mit der Wut identisch ist, ist mir nie gelungen, mich mit meiner Wut zu äußern, dass mein Weinen meine Wut beinhaltet, ist mir nie verständlich so gewesen. Dass es Unterschiede gibt, für mich und mein Weinen. Dass ich meine Angst geboren habe, um mir selbst zu helfen, dass ich meine Wut entdeckte, um mir selbst so bei zustehen. Dass die Angst und Wut das Kind ergreift, dass es selbst mit Angst, die ihm auch nur beigebracht worden ist, sich selbst helfen und verständigen will. Dass ich meine Angst ergreife, um die Wut dahinter zu entdecken, die ich schon von Anfang an in mir habe, als Gedenken und Gedanken an das Leid, das in mir schutzlos ausgeliefert wurde. Denn mein Leid ist mir selbst schutzlos ausgeliefert, wenn ich meine Wut nicht habe, um mich zu begreifen und den Sinn der Wut. Mich und niemand sonst zu schützen, vor dem, was dort draußen ist, außerhalb des eignen Körpers. Wut ist immer schon gewesen. Wut die Mut bezweckt, immer gegen eine Angst, die von außen an das Kind gebracht, gegen dich gerichtet wurde. Meine Hoffnung war der Hass, dass ich Furcht errege, dass sich endlich auch in allen anderen jene Furcht ausbreitet, die ich lernen hatte müssen zu ertragen. Meine Hoffnung war mein Hass, dass sich alle, wie ich fürchten sollten. Dass sich alle, wie der tote Junge dort im Gras, einsam fühlen sollten. Dass sie litten wie der Freund an seiner Seite, voller Angst und Schüchternheit, nur mehr zitternd, voller Zweifel, was als nächstes kommen würde.

Wenn ich mich dort stehen sehen kann, hinter einem Zaun, voller Hass auf einen toten Jungen und den Freund, den er einst hatte, der ihn dort betrauerte, und selbst furchtbar einsam war, wenn ich mich so sehe, bin ich nicht mehr der, der ich einst dort war und einmal gewesen bin, der die Angst nicht haben konnte, der sie selbst sich selbst nicht zeigen konnte. Bin nicht mehr der Junge, der ich damals werden musste, um zu überleben. Doch verstehe ich mich jetzt, dass ich damals voller Hass, auf Gefühl und Mitgefühl, mich verzehrte, endlich nicht allein zu sein.

Ich hasste, wie der eine Taucher den Jungen trösten wollte. Ich hasste seine Hand auf seiner Schulter. Ich hasste wie sie schauten, wie sie immer stiller wurden um schließlich zu verstummen. Ich hasste ihre Ruhe. Ich wollte reden, schreien, toben. Ich wollte hier nicht weg, ich wollte alles weiter sehen. Ich hatte kein Gefühl, ich kannte keine Gnade, ich konnte nichts von alledem ertragen. Ich wusste nicht, was für mich war, ich rannte in mir unentwegt, nach allen Richtungen und wusste nicht warum. Ich wollte, dass die Strafe kommt, vom Himmel fällt auf alle und auf mich. Ich wollte, dass sie alle büßen sollten, dafür, dass sie nicht wissen wollten, was passiert, was immer auch passieren kann, ich wollte, dass sie jetzt vom Himmel her bestraft werden sollten, dafür, dass sie vergessen hatten, dass Unheil immer kommen kann und Unglück auch, dass jederzeit die Schrecken wiederkehren können, der Tod, ein Unglück und das Schweigen darüber. Die Stille dieser Menschen, wie sie dann gingen, wie sie in ihre Autos stiegen und auf die Fahrräder. Wie sich der Parkplatz leerte, wie alles sich verflüchtigte, wie nur mehr unter einer Decke, der tote Junge lag, als wäre nichts gewesen, wie seelenruhig er dort lag und wartete, auf nichts und wieder nichts. Ich hasste seine Seelenruhe. Wie einsam eine Reise ist, wie einsam ein Sarg ist, wie einsam und allein es ist, in einem Sarg zu liegen. Warum schrie niemand halt, warum schrie niemand auf, warum schrie niemand wie mein Vater alles kurz und klein, und machte seiner Wut, dem Zorn und seinem lebenslangen Hass auf alles und auf jeden Luft? Warum schrie niemand Gott zusammen, warum schrie niemand sich entzwei. Ich drückte meinen Rücken, ich stand so aufrecht, wie ich konnte. Ich tobte in mir immer noch. Ich sah nicht, was ich sehen konnte, ich sah nicht, wie es für die Kinder ist. Ich sah mich Kind nicht wieder. Ich sah mich nicht in diesen Kindern dort. Ich sah mich nicht in mir. Ich sah das Kind nicht leiden. Ich sah das wehrlos sein nicht hier, ich sah auch nicht wie schutzlos diese Kinder waren, ich sah auch mich nicht schutzlos an. Ich sah mich nicht als Kind dort stehen. Ich schimpfte auf das Kind, das ich gewesen war, das sich so schimpfen lassen musste, für alles was es tat und äußerte. Ich schimpfte mich für meine Kindheit aus, für mein Versagen, das es niemals gab, ich schimpfte mich für meine Tränen aus und für mein stilles Weinen, ich schimpfte meine Tränen aus und keine Wut entstand bei alledem. Das Kind, das ich doch trotz allem war, das still in sich zusammensackte, das schwieg und stumm, nur ängstlich leise blieb, das war doch da. Es war doch da und ich, der es verstummte, so wie ich einst verstummen musste. Ich schrie mich an, beleidigte den Schmerz, mein Leid, die Trauer und schimpfte jeden Laut, der nach der Rettung rief. Ich schimpfte und verfluchte jeden Laut, der sich nur weiter noch in mir nach Hilfe sehnte. Ich schlug die Worte nieder, ich schlug in mir jetzt alles aus, das sich nach einer Nähe umsah, das seinen Kopf trotz allem streckte und schaute wo hier vielleicht Verständnis ist, für mich, für das verschwundene Kind, in mir. Ich hasste kein Gefühl, ich hatte keines. Ich hatte offensichtlich keine Angst und hasste alles voller Angst in mir. Ich hasste meine Angst, vor der ich mich versteckte. Ich hasste mich dafür. Ich schimpfte meine Angst. Ich schimpfte wie mein Vater. Ich war sein Ebenbild und wusste nicht was Ebenbilder sind. Ich hasste alles was Gefühl bedeutet, was Angst ist und was Mitgefühl. Ich hasste jede Nähe und Berührung, allein und unter einer Decke liegend, das war die Art Lektion, die ich mir immer wieder näher brachte. Allein und unter einer Decke liegend, ein Leben und den Tag lang nur allein, dort wartend auf die Möglichkeit der Ruhe. Mein Atmen eingestellt, kein Hass mehr da, kein ruheloses Suchen, Sehnen, nichts von alledem. Und keine Schuld für nichts und niemanden. Und keine Schuld für mich und meine Tränen. Ich weine niemals wieder, das sagte ich an diesem Tag. Ich schwor mir niemals wieder mehr zu weinen. Das Weinen ist veraltet. Ich hasse jede Träne, das sagte ich. Ich stand allein, als letzter Zaungast sah ich, wie der Leichenwagen kam. Mit einem Sarg und einem Träger hinten und einem andern vorn. Ich ging nach Hause.

Ich konnte nicht fühlen, ohne Angst zu haben, auch dafür bestraft zu werden. Ich glaubte, dass sich immer etwas rächte, dass immer wenn ich etwas fühlte, gerade dafür eine Strafe kommen würde, ganz automatisch. Das habe ich gelernt, Gefühle unterdrücken. Gefühle haben war doch etwas, das immer mit Gefahr verbunden schien. In mir, da sagte eine Stimme, du sollst dich etwas schämen, dich so und so zu fühlen. Schäm dich, du solltest dich was schämen; auch davor Angst zu haben. Ich musste meine Wut verlieren. Die Einsamkeit hielt ich nicht aus. Ich hasste mein allein sein, mein selbst für sich, für mich allein. Ich hasste mich und schämte mich und hatte Angst dabei. Ich konnte keine Wut empfinden. Sie war für mich selbst Furcht erregend, ich hatte sie gesehen, in meiner Mutter Augen, wie sie vor mir erschrak, bei jedem Wutlaut den ich äußerte, bei jedem Laut, den ich nur äußerte als Rettungsschrei. Sie hat das nie verstanden, dass Wut sich selbst gehört und niemand schaden kann, wenn man das Kind begreift, als völlig schutzlos ohne sie und ohne Mut. Ich dachte auch, Gefühle würden schaden, Gefühle könnten mir und anderen ein Unheil nahe bringen. Um mich vor Unheil zu bewahren, so dachte ich, so habe ich gelernt, genügte es Gefühle nicht zu haben. Sie nicht zu haben, sie auch zu unterdrücken, in mir, in jedem anderen. Die Lehre, die ich lernen musste, war nichts zu fühlen und zu merken, wann immer ein Gefühl entstand. Mich zu verstecken und alles, was sich nach Gefühlen strecken wollte, nur fest zuhalten. Damit mir nichts auskäme. Nichts, wieder nichts und wieder nichts.

Da bleibst! Jetzt hab ich dich und jetzt gehörst du mir allein!

Der Schrecken meiner Kindheit war, dass ich als Kind nicht fühlen durfte ohne Angst. Ich musste denken, dass Fühlen Einsamkeit bedeutete und Angst allein zu sein. Ich musste denkend fühlen, dass Freiheit schutzlos ist und ohne einen Rettungsring, dass Freude nur Gefahr bedeutete und keine Freude Sicherheit. Ich musste das für mich bewahren, es war doch wieder nur das einzige, das ich tagtäglich von den Eltern lernen durfte. Ich hasste mich dafür, dass ich mich immer wieder quälen musste, doch nichts zu fühlen. Ich hasste mich dafür und sah niemals den Ursprung dieses Hasses, dass sie mich hassten, wie ich war, wie jedes Kind geboren wird, schutzlos und wehrlos, nur von seiner Wut bewacht, nur fähig diese auszudrücken, um so Verständnis zu bekommen, für meine Art von Schmerzen. Gefühle unterdrücken, ist schlimmer noch als Schmerzen haben. Es ist wie Schmerzen nur bewahren und niemals wieder los zu werden. Ich sah mich hassend dort am See und nicht mehr ruhig, still, und voller Stimmen.

Ich war der Hass und dann die Wut und auch der Zorn. Ich war die Einsamkeit und nicht allein, ich war dort plötzlich anwesend, als mein Gefühl; und dann verflog der Hass und still, die Stimmen meiner Eltern.