Texte von Hugo Rupp

Das ungeschriebene Gesetz

Ich musste folgen und gehorchen. Mir blieb nichts anderes übrig. Ich musste einfach folgen und gehorchen.

Das wird dir noch mal leidtun.

Dir wird dein Weinen noch vergehen.

Gleich binde ich dich an.

Endlich begreife ich den Wunsch, von meiner Mutter wegzukommen, nur von ihr wegzukommen. Endlich begreife ich die Wut und meine Angst davor, nicht wieder auszukommen.

Jetzt kommt der Schwarze Mann.

Der nimmt dich mit.

Zur Schau gestellt mit meiner Wut und meinem Zorn und meiner Angst. In einer hoffnungslosen Lage. Und meine Mutter lächelt. Und meine Mutter freut sich. Dass ich nicht mehr auskommen kann, dass ich nicht von ihr wegkomme. Ihr ausgeliefert sein zu müssen.

Du musst doch vor mir keine Angst bekommen.

Nicht wegzukommen, dieses verheerende Gefühl der Angst, das ich als Kind mir immer wieder eingebildet habe. Nicht mehr davonzukommen. Nicht auskommen zu können. Im Grunde ein Gefangener meiner selbst zu sein und ewig sein zu müssen. Dass ich vor jeder Art von Nähe mich erschrecke, aus Angst ich würde mich einsperren und selber nicht befreien können.

Was fällt dir ein?!

Schließlich muss ich von mir jetzt selber denken, ich würde mir nur feindlich gegenüber stehen. Ich würde mich nicht selber mögen können.

Was bildest du dir ein?

Ich konnte gar nicht anders antworten.

Was bildest du dir ein

Ich sollte nur gehorchen. Endlich begreife ich, was ich als kleines Kind versucht habe und immer wieder dann versucht habe, in all der Zeit, der Mutter und dem Vater zu gefallen mit einer anderen Antwort. Danach hab ich gesucht. Endlich begreife ich. Ich konnte gar nicht anders reagieren und antworten als mit der Wut und meinen Tränen und dem Zorn. Ich konnte gar nicht anders, als mit der Wut zu antworten. In all den Jahren habe ich mir überlegt, was könnte ich den Eltern denn stattdessen sagen und antworten. Was könnte ich ihnen noch erzählen. Endlich begreife ich. Es ist doch längst alles gesagt. Ich habe es als Kind doch längst gesagt, was ich von Ihnen hielt und was ich mir tatsächlich eingebildet habe. Endlich begreife ich auch meinen Zorn, den Zorn des kleinen Kindes.

Was bildest du dir ein?

Ich habe ja geantwortet mit meinen Tränen und dem Weinen. Ich habe doch geantwortet. Nur meine Eltern wollten das nicht nicht wissen.

Die Litanei

Es war doch gar nicht meine Schuld, dass ich mir in der Not nicht mehr zu helfen wusste.

Was bildest du dir ein?

Das ist nie Schuldigkeit gewesen. Dass ich nicht einen Ausweg fand. Dass ich gar keinen Ausweg für mich finden hatte können. Nur weinen, schreien und mich sehnen.

Was bildest du dir ein?

Ich dachte immer nur, es wäre meine Schuld, dass ich für mich selbst keinen Ausweg finden würde.

Das bildest du dir ein?

Zurschaustellung und Bloßstellung. Das diente der Beschuldigung. Und ich gehorchte schließlich blind.

Was fällt dir ein?

Mir fiel nichts anderes ein, als Schuldigkeit und Scham, mich schuldig fühlen und mich schämen, für die Zurschaustellung und Bloßstellung der Wut und meiner Tränen.

Mich schuldig fühlen für die Not. Ich konnte tun und lassen, was ich wollte. Ich war im Grunde immer schuldig.

Was bildest du dir an?

Dass ich nach Schuld bei jeder Art Gefühl zur suchen hatte und nicht nach einem Grund, nach dem natürlichen Beweggrund.

Zurschaustellung von Schuld, als wäre ich mit meinen Tränen schuldig. Als müsste ich mich förmlich schämen und mich schuldig fühlen. Sie stellten mich zur Schau, so stellten mich hin.

Was fällt dir ein?!

Es sollte für mich Kind nur Schuldigkeit und Schuld als Grund für meine Tränen und mein Weinen geben.

Allein mit meiner Not, so schäme ich mich schier zu Tode und warte auf den Schwarzen Mann, auf etwas unvorstellbar Grauenhaftes, weil ich nicht weiß, ob es ihn gibt, mal mehr, mal weniger, ich weiß es nicht; nur meine Angst ist immer groß.

Jetzt geh ich weg und komm nie wieder.

Jetzt lasse ich dich ganz allein.

Dann kannst du sehen, wo du bleibst.

Ich habe mir tatsächlich eingebildet, ich hätte meine Mutter nicht verdient. Ich hätte ihre Liebe nicht verdient, nicht einmal ihre Anwesenheit. Weil ich so schreie und so weine. Warum ich überhaupt so schreie und so weine.

Was hast du denn?

Warum schreist du denn so?

Du hast doch alles, was du brauchst.

Ich habe immer nur gedacht, sie wüsste nicht, dass mir was fehlte. Sie wüsste gar nicht, was mir fehlte. Das habe ich gedacht, das habe ich mir eingebildet. Doch meine Mutter hat gelacht. Sie hat gelacht und mich zur Schau gestellt in meiner Not. Endlich begreife ich, sie hatte doch gewusst, was mir vor allem fehlte. Sie hatte doch gewusst, was mir gefehlt hatte. Sie hatte ganz genau gewusst, was mir gefehlt hatte. Deswegen hat sie so gelacht. Deswegen hat sie mich verlacht und bloßgestellt mit meinen Schmerzen, deswegen hat sich mich zur Schau gestellt und meine Schmerzen immer nur verachtet. Deswegen hat sie sich so aufgeführt und mich dermaßen vorgeführt.

Das glaubst du doch wohl selber nicht!

Ich habe nur gedacht und mir tatsächlich eingebildet, sie wüsste nicht, dass mir was fehlte.

Ich habe immer nur gedacht, sie wüsste nicht, dass mir jemand fgefehlt hatte, der auf mich aufpasst, mich beschützt und der mich tröstet in der Nacht. Ich habe immer nur gedacht, sie wüssten nicht, was mir von Anfang an gefehlt hatte. Sie wüssten nicht, was ich von ihnen wollte. Sie wüssten nicht, warum ich schrie, das habe ich mir eingebildet und gedacht, sie hätten nie gewusst, warum ich weinte und so schrie. Sie könnten das doch gar nicht wissen und ermessen, das habe ich mir eingebildet schließlich. Doch das war nur die Wirkung ihrer Worte, ihrer Beschuldigungen, Flüche und Zurschaustellungen. Sie wüssten gar nicht, was ich hatte oder wollte, was ich mir wünschte und nach was es mich von Anfang gehungert und gedürstet hat. Sie wüssten gar nicht, was ich habe, das habe ich mir schließlich eingebildet. Sie wüssten gar nicht, was ich an mir habe, was ihnen fehlte.

Was bildest du dir ein?

Warum ich überhaupt davon berichten kann. Der Klinger Hans, der mich getröstet hat, nachdem ich von der Mauer fiel, da war ich elf, der hat mich nicht beschimpft. Der hat mich nicht gleich hinterhältig hingestellt und bloßgestellt für meinen Schmerz, den er mir angesehen hatte. Der hat mich nicht zur Sau gemacht für eine Äußerung. Der hat mich nicht gleich wieder hingestellt, nachdem er mir das angesehen hat, dass ich mich äußern hätte wollen für mich und meinen Schmerz. Der hat mich nicht beschimpft, beschämt und hinterhältig hingestellt. Der hat mich nicht gleich wie die Mutter und mein Vater ausgelacht für meine Äußerung.

Sie hatten mich als Kind für meine Hilflosigkeit bestraft. Sie haben mich dafür beschuldigt und beschämt, für meine Ungeschütztheit, für meine seelische Verfassung. Sie haben mich bestraft, gerichtet für mein Dasein, für meine Unversehrtheit und mein Glück.

Was bildest du dir ein!?

Dass ich noch nicht versehrt gewesen bin an Körper und an Seele, das sollte ich den Eltern büßen. Dass ich noch nicht versehrt war, das ließen sie mich büßen, an Körper und an Seele. Dass ich noch nicht versehrt gewesen war.

das bildest du dir ein?

Das Urteil über mich war längst gesprochen. Es war schon längst entschieden, dass ich zu büßen hatte, dass ich, ein kleines Kind, zu büßen hatte.

Was bildest du dir ein!?

Das Urteil für mich war doch längst geschrieben.

Was fällt dir ein?

Endlich begreife ich, dass ich den Eltern keinen Grund gab, wofür sie mich bestraften. Dass ich gar nicht der Grund war, weshalb sie mich beschimpften und bestraften.

Endlich begreife ich. Daher kommt das Gefühl Verachtung für alles und für jeden. Daher kommt das Gefühl der plötzlichen Verachtung und Bestrafung, von allem und von jedem. Daher kommt das Gefühl, um jeden Preis Verachtung. Um jeden Preis jemand verachten, mit der Verachtung strafen wollen. Daher kommt jemand mir mit der Verachtung und Bestrafung und den Strafen. Daher kommt das in mir.

Was fällt dir ein!

Wir durchwühlen uns wie ein Maulwurf und kommen ganz geschwärzt und sammethaarig aus unsern verschütteten Sandgewölben, unsere armen roten Füßchen für zartes Mitleid emporgestreckt.

Bei einem Spaziergang ertappte mein Hund einen Maulwurf, der über die Straße laufen wollte. Er sprang immer wieder auf ihn und ließ ihn dann wieder los, denn er ist noch jung und furchtsam. Zuerst belustigte es mich und die Aufregung des Maulwurfs besonders war mir angenehm, der geradezu verzweifelt und umsonst im harten Boden der Straße ein Loch suchte.

Plötzlich aber als der Hund ihn wieder mit seiner gestreckten Pfote schlug, schrie er auf. Ks, kss so schrie er.

Und da kam es mir vor – Nein es kam mir nichts vor. Es täuschte mich bloß so, weil mir an jenem Tag der Kopf so schwer herunterhing, daß ich am Abend mit Verwunderung bemerkte, daß mir das Kinn in meine Brust hineingewachsen war.

Franz Kafka

Mich mit Verachtung strafen, das haben sie mir beigebracht. Der Hass aus heiterem Himmel, der fällt mir dabei ein, der fällt mir endlich in den Kopf und auf die Brust. Spontaner Hass, der schlägt jetzt endlich aus mir raus, verflucht noch mal, sei endlich still. Sei endlich still in drei Teufels Namen. Der grauenhafte Hass, den ich als Kind erfahren habe, den ich zu schlucken hatte, der schlägt mich nicht mehr nieder. Der grauenhafte Hass und die Verachtung meiner Kindheit, das kommt jetzt endlich aus mir raus; für meine Mutter und den Vater. Der unbezweifelbare Hass für die Anschuldigungen und Beschuldigungen meiner Person, kommt endlich aus mir raus. Der unbezweifelbare Hass auf ihre Urteile, Verwünschungen und ihre Prophezeiung, ich würde büßen müssen, wenn ich nicht sofort still sein wollte, wenn ich nicht gleich verzieh und ihre Strafe nicht willkommen heißen und bejahen würde. Der unbezweifelbare Hass für die Beschuldigung des Körpers.

Was fällt dir ein?

Mein unbezweifelbarer Hass auf meine Mutter und den Vater. Der fällt mir endlich ein. Die Wut gegen die Vorurteile meiner Eltern, ist endlich wieder da, gegen die ungeschriebenen, dennoch gefällten Urteile. Mein Hass gegen das ungeschriebene Gesetz der Eltern, sei endlich still, sonst kannst du was erleben. Mein unverfälschter Hass, um nie mehr wieder das Gesetz, gegen mich selbst und einen anderen zu richten.

Was fällt dir ein?!

Wie krank das ist, jemand für jedes Widerwort nur zu bestrafen. Wie krank vor Angst das ein Kind macht, wenn es für jedes Widerwort doch nur bestraft wird. Wenn etwas nicht gleich klappt. Dann hat mich meine Mutter gleich bestraft. Beschimpft oder mit ihrer Seelenruhe gleichermaßen nur verachtet.

Das ungeschriebene Gesetz

Sie hat mich immer nur bestraft mit ihrer Seelenruhe und dem toten Blick, mit ihren Todesspielen. Am Leichenschau damals. Alles passte zusammen.

Sie hatte mich als Kind doch immer nur bestraft, wenn ich ihr nicht gefiel.

Was fällt dir ein!?

Wie krank das ein Kind macht, wie krank mich das tatsächlich machen hatte können, weil ich mich nicht dagegen wehrte, weil ich mich doch nur schämen hatte müssen. Weil ich mich doch nur schämen hatte dürfen, wenn mir was fehlte. Weil ich mich doch verachten hatte müssen, für jede Art von Widerstand. Weil ich mich als Kind schuldig fühlen musste für meine Tränen und die Wut. Das war im Kern ihr ungeschriebenes Gesetz, dass ich mich mit Verachtung strafen sollte, wenn mir an meinen Eltern etwas liegen würde.

Was fällt dir ein?

Was schreist du denn so?!

Er würdigte mich keines Blickes in der Not. Und Mutter steckt mich in ein Zimmer ohne Licht. Endlich kann ich die Verachtung meiner Wut und meiner Tränen spüren. Endlich kann ich ihr Urteil und die Entscheidung für mich spüren und dass das doch kein Zufall war, sondern die volle Absicht meiner Eltern, mich zu entwerten, zu ignorieren, zur Sau zu machen und mich zur Schau zu stellen und bloßgestellt, mich gleichzeitig wie ein Nichts, einfach wie Luft zu behandeln; wie Luft. Das ist ihr ungeschriebenes Gesetz gewesen; grundsätzliche Verachtung aller Schmerzen. Grundsätzliche Verachtung.

Was fällt dir ein?

Sie konnten keinen Schmerz ertragen, weder an sich noch an einem anderen. Sie haben jeden Schmerz gleichwohl bestraft. Sie haben jeden Schmerz nur mit Verachtung behandelt.

Was fällt dir ein?

Das ungeschriebene Gesetz. Solang ich nicht gehorche und nicht gleich jeden Schmerz sofort verachte, werde ich bestraft.

Vor was hat dieses Kind nur eine solche Angst?

Ich bildete mir schließlich ein, dass ich im Grunde jeden Schmerz tatsächlich büßen müsste.

Was fällt dir ein?

Ich konnte nur verachten lernen und mich damit zur Schau stellen, wenn mir was fehlte. Ich konnte meinen Hunger nach Geborgenheit und Liebe und mein Bedürfnis danach doch nur verachten lernen. Ich konnte nur verachten lernen, was mich als Kind bewegt hatte. Was mich bewegt und angetrieben hatte, das konnte ich doch nur verachten lernen.

Hör endlich auf damit.

Sonst kommt der Schwarze Mann.

Ich konnte meine Tränen nur verachten lernen. Ich konnte nur verachten lernen, was mich bewegte und bewegt hatte. Ich konnte doch mein Leben nur verachten lernen.

Endlich begreife ich, warum ich immer so dermaßen wütend wurde, wenn ich nur Hunger hatte. Wenn ich nur Hunger hatte nach Gesellschaft und nach Nahrung, dann bin ich immer nur verachtet worden. Sie hatten mich für meinen Hunger und meine Wünsche immer nur bestraft.

Was fällt dir ein!?

Ich sollte meine Wut nicht rechtfertigen.

Was fällt dir ein?

Ich sollte meine Wut niemals rechtfertigen können. Darum ging es von Anfang an den Eltern. Ich sollte meine Wut nicht rechtfertigen. Ich sollte nur gehorchen. Und mich damit verachten.

Was bildest du dir ein?

Ich durfte meine Wut nicht rechtfertigen. Endlich ist mir das klar geworden.

Sei endlich still, sonst kommt der Schwarze Mann.

Ich sollte lernen, dass sich das nicht gehört, zu schreien und zu weinen. Ich sollte endlich lernen, dass sich Gefühle nicht gehörten. Dass sie sich nie und nimmer,unter keinen Umständen, für mich und jedermann gehören würden. Dass sich das für ein Kind niemals gehören würde.

Was fällt dir ein?!

Sie haben mich für meine Tränen und mein Weinen nie verschont. Endlich begreife ich, warum ich mir dann immer wieder auf die Lippen biss, wenn ich die Mutter und den Vater sah. Warum ich mir andauernd auf die Lippen biss und schließlich Nägel kaute. Sie haben mich niemals verschont. Deswegen war auch die Verachtung in mir schließlich so groß. Weil ich für meine Liebe und die Anteilnahme als Kind doch immer nur verachtet worden bin.