Texte von Hugo Rupp

Das Gefühl nehmen

 

Ganz egal, wo du dich auch verstecken magst, ich werde dich überall finden, sagt er.

Sein Gesicht lächelt. Ich sehe sein Lächeln. Ich sehe seine Grausamkeit und verstehe sie nicht. Ich versuche sie zu verstehen und mit seinem Lächeln in Einklang zu bringen. Ich bin ein Kind und versuche das Lächeln von der Gewalt zu trennen, für mich zu unterscheiden. Das Lächeln ist für mich kein Bestandteil des Schmerzes. Das verstehe ich nicht. Sein Gesicht im Einklang mit meinen Bildern von ihm, wie er gewesen ist. Ich verstehe sein Gesicht und verstehe nicht, was er tut, dass er lacht, nachdem er mich geschlagen hat. Dieses Missverständnis weckt mich auf, mitten in der Nacht. Dann schlafe ich wieder ein und wache am Morgen mit der Befürchtung auf, dass ich nichts mehr verstehe, überhaupt nichts mehr. Ich versuche den Vater traurig zu machen, ich versuche ihn mit meinem Gesicht traurig zu stimmen. Ich versuche mit einem Gesicht, das er selbst als wehleidig beschrieben hat und auf das er sich abfällig verhalten hat, mit Spucken, seine Stimmung zu beeinflussen. Ich versuche Trauer in ihn zu bringen. Ich versuche, dass Vater ein trauriges Gesicht bekommt, wenn er mich sieht, wenn er meinem Gesicht begegnet. Vater muss doch traurig sein, wenn er zuschlägt. Er muss doch spüren, dass er mir weh tut.

Am meisten tut es deinem Vater selbst weh, wenn er dich schlagen muss. Das kannst du mir glauben, sagt sie.

Ich versuche Vergebung für meine Vergehen in ihn zu bringen. Mit meinem Hüsteln, mit meinem verborgenen, zurückgehaltenem Husten. Ich versuche, dass Vater mir vergibt, für den Grund, den ich ihm eröffnet, gegeben habe, dass er mich schlagen muss. Ich versuche mich zu verstehen, warum ich ihm Grund zum Schlagen gebe. Warum ich ihn so reize, warum ich nicht ruhig sein kann, nicht ohne Anreiz. Ich versuche mein Verhalten zu entschuldigen. Meine Wut zu entschuldigen, dass ich gegen ihn gewesen bin, dass ich gegen ihn denke, insgeheim.

Ich sehe dir deine Gedanken an, sagt er. Ich weiß genau, was du denkst, sagt er.

Er liest meine Gedanken. Wie er das macht, weiß ich nicht. Ich kann nichts geheim halten, außer ich schaue in den Boden und schweige. Selbst wenn ich schlafe, werde ich von seinen Augen überwacht. Auch ihre kommen in den Träumen vor, immer wenn ich gehen will, kommt sie zu mir und schaut mich an. Ermahnt mich, dass ich ihm verzeihen soll. Niemals gehen, ohne zu verzeihen. Ich verzeihe unentwegt, wegen meiner Wut, die in mir das Weite sucht und kein Draußen zeigen darf, die nicht aus mir aus dem Körper kommen darf. Sonst erschlägt er mich dafür. Nicht das Kind, das ich bin. Er erschlägt die Wut. Du bist das und das. Das und das, muss aufhören. Ich bin nicht gemeint. Das und das. Widersprechen darf ich nicht. Nicht ihm so und so begegnen. Nicht so schauen, wie ich schaue. Was er alles nicht an mir mag, darf ich nicht verwenden. Er verzeiht mir, wenn ich nicht mehr so bin, wie ich vorher war. Das ist seine Art Vergebung, dass er mir verzeiht, dass ich Schlechtes über ihn mal dachte. Das verzeiht er mir, meine Art von Fehlern. Dass ich nichts und dass er alles weiß. Von mir und allen andern.

Er treibt mich in die Enge und lächelt.

Da bleibst. Da gehst her, sagte er und hält mich mit dem Funkeln in seinen Augen fest. Er hält mich an der Hand fest. Ich darf nicht weglaufen. Das mag er nicht.

Dann bin ich unter der Bank und von dort zieht er mich am linken Fuß heraus.

Hab ich dich, sagt er und lächelt triumphierend. Hab ich dich und zieht an meinem Ohr, dabei verzieht er seinen Mund zu einer schiefen Sicht, wie verschobene Messerschneiden. Er zieht die Augen auf und verharrt so einen Augenblick. Er sieht mich an mit großen Augen, lächelt und lässt los. Er stellt mich in Gassen. Er kommt von hinten und packt mich an der Schulter. Er taucht plötzlich auf: überfallartig. Auch zu Hause. Er klopft nicht. Er ist ein lautloser Jäger. Er tritt an mein Bett und lächelt, im nächsten Moment blickt er wie eine Maske, gleichgültig.

In der Enge gibt es keine Fluchtmöglichkeit. Er mag die Enge, in die er mich treibt. Er lacht.

Das ist doch nur Spiel. Sei doch nicht so, sagt er.

Er ist enttäuscht, dass ich sein Spiel nicht spielen kann. Ich versuche nicht zu erschrecken, wenn er mich von hinten packt. Wenn er mich aufweckt und anlacht. Ich versuche zu lächeln, wenn er mich zwickt und seine Kiefer mahlen und seine Augen blinzeln, weiß ich ganz genau, dass das kein Spaß ist. Ich lächle trotzdem. Wenn ich erschrecke, verderbe ich ihm nur den Spaß und er verliert die Lust am Spiel.

Du brauchst doch vor mir keine Angst zu haben!

Ich darf mir keine Wut ansehen lassen. Kein Widerwort gegen seine Späße. Er mag, dass es mir gefällt, wenn er mich quält, und dass ich mich nicht wehre. Dass ich mich nicht wehre, gefällt ihm. Er weiß dann, dass es kein Unrecht ist, dass er mir nicht schadet. Es gibt keine Schuld und keine Beschuldigung von meiner Seite gegen Vater. Ich sage nichts gegen sein Tun. Ich lächle. Das bestärkt und zeigt ihm, dass es nichts gibt, was beklagenswert ist. Vater schlägt mit Unschuld und ich das Kind bin auch unschuldig, solange ich den Vater nicht beschuldige und erschrecke und ihn traurig anschaue, oder ihn anspreche, oder weine, oder einen Schmerz zeige. Er will unschuldig bleiben. Solange ich ihn anlächle, ist er unschuldig. Wenn ich Vater beschuldige, wird er böse. Das ist meine Schuld, weil ich ihn schließlich böse mache.

Was musst du mich auch so reizen, sagt er.

Es gibt keine Möglichkeit gegenüber Vaters Schlägen meine Unschuld zu erkennen. Indem er schlägt, schlagen muss, wie er sagt, berechtigt er seine Strafe und das Urteil über mich, mein Verhalten, das der Anlass seines Tuns erst ist.

Niemand darf ihn da in Frage stellen.

Das hat ja einen Grund. Du kannst doch deinen Vater nicht einfach beschuldigen. Du kannst doch nicht mit solchen Anschuldigungen kommen. Überleg dir doch, was du da sagst. Du kannst doch nicht einfach solche Anschuldigungen in die Welt setzen. Weißt du nicht, wie weh du mir und deinem Vater damit tust. Wie sehr du dir damit auch letztendlich selbst schaden kannst?

Ich stellte ihn mir zweigeteilt nun vor. Als wäre er zerrissen, als gäbe es den guten und den schlechten Vater. Als müsste ich die beiden nur zusammenbringen. So stellte ich mir Raserei auch vor, die vor sich selbst erschreckt. Auch Quälerei, die dann im Nachhinein auch Reue zeigt, für sich, dass einer der die Tiere hasst und Menschen drangsaliert, auch darunter leidet, dass dieser Mensch, der alles nur verachtet, was ist, und was sich gegen ihn zu stellen scheint, im Grunde seines Wesens, die helle Seele, gut für mich, auch besitzt. Dass Vater, wenn er schlägt mich nicht zur Freude und zu seinem Vergnügen schlägt, dass er doch selbst am meisten darunter leidet. Das dachte ich, das war mein letztes Aufbegehren, entgegen einer Welt, die mir Maschine war. Maschinen die nichts von alledem, was ich erleide, wissen. Der Aufstand gegen die Maschinen, in Filmen wie Terminator, natürlich, denke ich heute, das ist der Aufstand gegen unsere Peiniger. Das Ghetto. Die Lager. Die Berichte und Fotografien der Täter. Natürlich! Die Gesichter.

Wir mussten als Kinder glauben, dass wir das alles verdient hatten, weil man uns in die Enge trieb und bestrafte. Natürlich mussten wir das glauben, dass es zu unserem Besten geschieht, dass es geschieht, damit wir unschuldig bleiben, wie die Täter sind. Sieh dir die Gesichter an!

Ich glaubte als Kind immer, dass Vater das wehtut, wenn er mich geschlagen hat. Dass er einen Schmerz spürt. Dass sie auch spürt, wenn sie mir Geschichten erzählt, wie sie mich erschreckt, wie sie mich erschreckt, wenn sie mich alleine lässt, ohne ein Wort.

Das ist die Sicht des Opfers, das nicht mehr fliehen kann, das keinen Ausweg kennt. Die Sicht des kleinen Kindes, das sich Vergebung träumt, damit die Enge endlich verschwindet. Das um Vergebung bittet und betet, damit auch Gott erkennt, dass dieses Kind jetzt alles tut für seine Täter; das um Vergebung bettelt, damit das Schlagen und die Pein der Einsamkeit ein Ende hat. Das Kind bittet um Vergebung und spürt einen entsetzlichen Schmerz, verbunden mit einer vermeintlichen Schuld für sein Tun. Es beschuldigt im Grunde die Wut, seine Wut, dass es gegen seine Eltern ist. Es beschuldigt sich, macht sich selbst verantwortlich mit seiner Gegenwehr, dafür, dass es geschlagen wird. Das ist eine ausweglose Situation, weil das Kind keine Möglichkeit hat, seine Schuld abzulegen. Es muss sich beschuldigen, um überleben zu können. Würde das Kind sich als unschuldig empfinden, und so der Drangsal ausgesetzt, wäre die Hilflosigkeit erdrückend, die Enge noch enger. Kein Platz mehr für Atem.

Der Wunsch des Kindes nach Vergebung ist seine letzte Rettungsmöglichkeit. Sein Traum.

Ich erschaffe mir dein Mitgefühl. Mutter, ich erschaffe mir dein Weinen über meine Tränen. Ich erschaffe mir die Hand des Vaters über meinem Kopf, dass er mich beschützt. Ich erschaffe mir die Liebe. Ich erschaffe Mitgefühl aus Maschinenteilen. Ich erschaffe Tränen in den Augen meines Vaters, dass er weinen wird, wenn ich einmal nicht mehr bin. Dass er weinen würde, ganz bestimmt, wenn er von mir wüsste, wenn er meine Schmerzen kennen würde. Wenn er mich doch küsste. Ich erschaffe Abschiedsschmerz in den kleinen Gesten, ich erschaffe Zeichen kleiner Trauer. Gesten, winke, tu mir weh, drücke meinen Schmerz dann nieder. Zeige, wie ich von den Eltern lerne. Zeige meine Lernerfolge. Zeige keine Wunden. Zeige niemals Wunden. Zeige deine Zähne. Lache, zeige deine Zähne. Zeige deine Art Vergebung, die in allen Blumen wohnt, wenn sie für dich strahlen, wenn sie ihre Farbenpracht dir schenken. Finde Wunder in den Dingen, in den kleinsten noch so kleinen Dingen. Finde Wunder, bitte um Vergebung jetzt, in der Stunde deines Todes. Bitte um Verzeihung, gegen deine Sünden, dass du deine Eltern achtest, dass die Schuld vergeht, die du in dir wohnen hast. Die schon immer in dir wohnt, scheint so, dass sie schon so lange in dir wohnt. Kennst nicht ihre Gründe. Nimmst die Schuld als deine wahr. Vater hatte keine. Mutter niemals Schuld. Ich bin schuld an meinem Leben. Ich an meinem eignen Tod. Ich, das Kind, bin immer Schuld, niemand der mich je entschuldigt hätte. Kind ist immer schuld, immer schuld gewesen. Kind ist immer schuld.

Ich werde dich überall finden!

Vater ist in mir, mit den Taten und den Worten der Mutter über ihn. Mit ihren Worten, die nicht Vater sind, ist er in mir, wie er mit seinen Taten nicht in mir ist. Das ist sehr verwirrend, dass es mehrere Väter zu geben scheint. Mutter ist in mir und sucht nach ihren Worten über sich, was Vater über sie spricht. Sie will wissen, was Vater über sie denkt. Mutter ist mit den Worten von Vater in mir und wie er über sie denkt. Vater ist in mir, mit seinen Worten, die er zu mir spricht. Mutter ist mit ihren Worten immer fern, weil sie nie über sich und von sich, nur über Vater und andere spricht. Die Worte und Sprache meiner Mutter sind Fremdsprache. Die Sprache einer Fremden. Eine Maschine, die sprechen kann, wie es ihr beliebt, nur nicht über sich. Das ist nicht möglich. Zumindest nicht für das Kind erfahrbar. Ich kenne keine Wirklichkeit, heißt, ich kenne keine Nähe, heißt, ich kenne keine Zustimmung, ist kein Gefühl für mich und meine Sicht, ist kein Gefühl für mich. Ich kenne kein Gefühl, das von der Mutter auch nur annähernd bestätigt worden wäre, für mich, entgegen einem Vater. Mein Gefühl findet keine Identität. Es findet keine Zugehörigkeit. Keine Entsprechung. Deshalb ist das Kind allein und weiß nicht, was es fühlt. Weil es fühlen muss, nicht darf, nur fühlen muss, was andere gern haben. Wie andere die anderen besprechen und sie erklären, wie sie in ihren Augen sind.

Maschinen-Menschen, was meinst du damit?

Dass sie wie Maschinen sind.

Was sind Maschinen?

Auf Maschinen muss man aufpassen, mehr als auf einen Finger zum Beispiel. Mehr als auf den Fuß, wenn ich mich anschlage oder schneide. Das vergeht, sagt Vater. Das wird wieder gut. Egal. Die Maschine ist mehr wert. Vater hat Maschinen, die kosten Geld und wenn man nicht gut mit ihnen umgeht, oder wenn andere nicht gut mit ihnen umgehen, dann gehen sie kaputt und dann muss man sie reparieren, was Geld kostet, oder sogar eine neue kaufen. Das ärgert Vater am meisten, wenn seine Arbeiter mit seinen Maschinen nicht gut umgehen und nicht sorgfältig arbeiten. Die Maschinen sind das wichtigste. Ohne Maschinen keine Arbeit, ohne Arbeit kein Geld, ohne Arbeit nichts zu essen. Maschinen sind wichtiger als Menschen. Ohne die Maschinen hätten wir nichts zu essen.

Magst du Maschinen?

Ja. Sie riechen gut. Nach Öl und Schmierfett. Ich mag Maschinen, wenn sie repariert werden, wenn sie auseinander genommen und zerlegt werden. Wie ein Traktor zerlegt wird und alles nach Fett riecht und herum liegt und die Einzelteile von einem Arbeiter dann angeschaut werden und auch jedes Teil einen Namen hat und betrachtet werden kann. Am schönsten ist, wenn dann alles wieder zusammengebaut ist, die Maschine wieder geht und funktioniert. Wenn einer das kann, dass er eine kaputte Maschine, die nicht mehr ging, dann wieder geht und läuft. Weil man sich beim Zerlegen und Zusammenbauen unterhalten kann. Wenn einer das erklärt, was das ist und das ist. Wenn sonst Ruhe ist.

Wo war das?

In der Werkstatt, wo meine Mutter herkommt. Da war ich drei Jahre alt. Ich durfte aber nicht lange zuschauen, weil sie Angst hatte, dass ich mich schmutzig machen würde.

Hast du dich schmutzig gemacht?

Nein. Aber sie hatte Angst, dass ich mich schmutzig machen könnte.

Hat er dir nie etwas erklärt?

Nein, nicht gern, nur mit Abneigung. Mit Hass und Verachtung, weil er Maschinen andererseits hasste, weil man sich mit einem Stemmeisen die Finger abhacken kann. Sagt er. Ist passiert. Schneiden mit der Bandsäge. Vater hasst, zu was Maschinen fähig sind.

Die Maschinen tun ihm weh?

Einmal hat er mit dem Hammer auf seinen Finger geschlagen, dann hat er den Hammer quer durch die Werkstatt geworfen und alle und jeden verflucht. Der Hammer ist in einem neuen Schrank gelandet. Dann hat er den zusammen geschrieen, der den Schrank da aufgestellt hat, wo er seinen Hammer hingeschmissen hat, und einem Lehrling, der gerade in diesem Moment vorbei ging, eine Ohrfeige gegeben.

Maschinen können heimtückisch sein, wenn man nicht aufpassen kann, sagte er einmal.

Hast du Angst vor Maschinen?

Nein. Ich hatte als Kind schreckliche Angst vor ihm. Er konnte über sein Tun lachen; für sich. Das Lachen kannte nur keiner, weil er es keinem zeigte. Ich kenne es aber. Ich weiß genau, wie er lachen konnte. Ich habe es gesehen. Wenn ich lächelnde Gesichter sehe, bei Männern, die etwas schreckliches anderen angetan haben, weiß ich genau, dass sie sich freuen, dass sie sich über etwas gefreut haben. Ich weiß, dass diese Gesichter, wenn sie so schauen, keinen Schmerz spüren und kein Mitleid mit dem Anderen empfinden. Ich weiß, auch wenn sie sagen, dass sie das alles, was sie getan haben, doch nur auf Befehl oder Anordnung, oder aus was für Gründen auch immer getan haben, dass das nicht stimmt. Ich weiß, dass es ihnen Freude bereitet hat, dass es für sie eine Genugtuung gewesen ist und dass sie zufrieden sind mit ihrem Tun.

Du musst zufrieden sein!, sagte er und schaute mich an. Ich war immer zufrieden mit mir und dem, was ich getan habe, sagte er und schaute mich an.

Ich nehme diesen Satz als wahr für mich hin. Er deckt sich mit meinem Gefühl. Dieser Satz bestätigt mich.

Die tiefe Verzweiflung des Kindes, meine Verzweiflung, mein Versagen, mein vollkommenes Versagen müssen, gegenüber einer allseitigen Zufriedenheit. Endlich ist die Verzweiflung und Sprachlosigkeit für ein Kind verstehbar, fassbar, auch nachvollziehbar. Die Verzweiflung und Weißglut gegenüber der Zufriedenheit, die für ein Kind vollkommene Gleichgültigkeit gegenüber jedem seiner Versuche ist, sich verständlich zu machen und die Eltern zu ändern. Jede Wut richtet sich gegen die Gleichgültigkeit, und die Eltern fühlen sich in ihrer Sicherheit und Zufriedenheit angegriffen. Die Wut richtete sich immer gegen die Zufriedenheit, gegen jeden Blick, der Zufriedenheit ausdrückte, gegen jeden Hinweis auf Glück, gegen jede Form der Freude. Wie mir jede Form der Freude mit einem Gesicht der Gleichgültigkeit und Zufriedenheit zerstört worden ist, hasste ich nichts so sehr als die Zufriedenheit und Gleichgültigkeit.

Die Substantive erdrücken das Gefühl der Verlorenheit. Die Vernunft des Erwachsenen, sich zu erklären gegenüber seinen Eltern, verhindern das Kind. Sie hindern das Kind am Sprechen und vor allem am Fühlen. Das Verständnis des Erwachsenen für die Zusammenhänge, verhindert das Kind. Es muss wie ehedem zuhören und lauschen, den Worten Glauben schenken und still sein.

Du musst auch deinen Vater verstehen, sagt sie. Sie versucht etwas zu verhindern. Wie sie dich ansieht und spricht, versucht sie, in dir etwas nicht zum Vorschein kommen zu lassen. Du bedenkst ihre Worte und ihr Gesicht. Sie geben dich als Kind vollkommen auf. Du verschwindest, obwohl du noch hier stehst, vor ihr, neben ihm vielleicht, in Gegenwart anderer vielleicht; doch du verschwindest für sie.

Du löst dich auf. Es bleibt in dir kein Gefühl mehr übrig. Ist es ihre Art gewesen, gleichgültig zu sein. Für dich, egal was auch geschieht?

Ja.

Was würdest du machen?

Schreien. Schreien solange ich kann!

Schau, Schreien hilft doch nichts, sagt sie.

Du machst eine Faust.

Sie lächelt.

Mit der Zeit wirst du ihn verstehen, sagt sie.

Dein Augenlid zuckt. Du hoffst, dass sie es nicht sieht.

Sie würde über deine Augen reden?

Ja.

Sie würde dir dein Zucken ausreden wollen.

Ja.

Sie hatte immer nur einen Ratschlag: Nicht zu fühlen. Was du fühltest und auch zeigen wolltest, nicht zu zeigen. Sie wollte deine Gefühle nicht sehen. Es geht hier um kein Geheimnis, es geht um das Offensichtliche, das sie nie sehen wollte. Dich. Sie redet dich dir aus. Sie redet dir dein Gefühl schlecht, sie macht dir Angst und droht mit Konsequenzen, für deine Gefühle. Sie besticht dein Fühlen mit Gefahr, sie versieht mit Worten der Gefahr, Vorsicht, und mit ihren eindringlichen Augen deinen Versuch, deine Wut zu zeigen, deine Art Gefühl zu zeigen.

Du stehst da und du schaust. Nichts ist aus dir raus gekommen, weil sie nichts von dir doch sehen wollte. Deshalb redet sie dir zu oder wendet sich von dir ab. Sie rät dir zu, dich selbst zu verlassen. Sie ist nicht blind, sie ist es nie gewesen. Sie spürt, dass etwas aus dir kommen will, sie sieht es doch in deinen Augen, deiner ganzen Körpersprache, wie du dich förmlich danach streckst, doch endlich auch zu zeigen, was in dir steckt und wie es in dir brodelt. Sie will dich nicht sehen. Sie will den sehen, den sie sehen will. Sie redet sich dir ein, sie rät dir von dir ab und redet dich dir aus.

Du hast keine Erinnerung, wie es war nicht allein zu sein.

Sie fordert dich auf, dir weh zu tun. Dir selbst weh zu tun, indem du dich nicht fühlen sollst. Du fühlst genau, dass jedes mal, wenn sie dich auffordert deinen Schmerz und dein Gefühl zu schlucken, dir etwas dabei weher tut. Die Unterdrückung schmerzt. Du sollst dich immer wieder unterdrücken. Du sollst dich selbst nun unterdrücken. Du lernst das Unterdrücken. Du lernst Gefühle unterdrücken. In dir und jedem anderen.

Du spielst jetzt wieder mit Figuren, mit deinen Indianern. Du stellst sie hin, du räumst sie auf. Du nimmst dir einen einzelnen, du sprichst mit ihm, du sagst ihm, wer er ist. Du rätst ihm, dass er sich verstecken soll. Du rätst ihm zu, gut aufzupassen. Sich im Verborgenen zu halten, sich nicht zu zeigen, nie anderen zu zeigen, wie er sich fühlt/wie du dich fühlst. Das rätst du ihm. Dasselbe wie die Mutter. Du verrätst einer Plastikfigur deine Wahrheit, du gibst sie weiter. Das Kind spielt nicht nur allein sein, es weiß, dass es allein ist. Es spielt die Wirklichkeit, nicht etwa Phantasie. Das Kind lehrt die Figur, allein zu sein und auch zu bleiben. Diese Figur kann sich auch nicht wehren. Da das Kind immer schon allein gewesen ist, gibt es in seiner Erinnerung kein Gefühl nicht allein zu sein. Es gibt keine Möglichkeit für das Kind, das zu begreifen, solange es die Gefühle unterdrückt. Auch für den Erwachsenen ist es unmöglich, das Kind zu verstehen, solange er das Spiel, das in Wirklichkeit die Wahrheit ist, nicht begreift und diesem Kind erlaubt, endlich mit seiner Wut auf seiner Seite nur zu stehen, notfalls gegenüber allen anderen. Doch dieses Mal nicht mehr allein, denn er ist da. Mit dem Gefühl wird jener Junge plötzlich wieder sichtbar. Die Faust des Kindes öffnet sich. Da liegt der Indianer, der keine Schmerzen haben durfte, der nicht einmal allein sich fühlen durfte. Da ist das Kind geborgen. Du bist der einzige Zeuge deiner Wahrheit. Auch wie sie dir immer wieder versuchten, dich dir auszureden und dich dir auszureden, verstehst du jetzt. Du durftest nicht einmal dein eigener Zeuge sein. Du durftest dich nicht sehen und nicht fühlen. Sie haben dich geblendet und stumm und taub für dich gemacht. So bist du seelenblind geworden.