Texte von Hugo Rupp

Äußerung

 

Wenn ich in einen Spiegel schaue und meine Mutter darin sehe, wie sie mich dort anschaut, mit ihrem sorgenvollen Blick, wenn ich nur an sie denke, dass ich sie ängstige, wenn ich mich nach ihr sehne, mit meiner Sehnsucht im Gesicht, dann hält sie mir das vor. Sie ist dagegen. Ich mache ein Gesicht der Angst.

Was hat denn dieses Kind? Das ist doch nicht normal?

Ich hasse ihr Gesicht, die hasserfüllte Maske. Ich mache ihre Augen rot und ihren Mund ganz dunkel. Ich färbe ihre Zähne schwarz und mache ihre Zunge pelzig.

Das Kind ist eine Strafe. Man ist gestraft mit diesem Kind.

Ich bin die Strafe. Für mich und andere. Ich bin die Strafe und dafür schuldig.

Du scheinst nach Schlägen noch zu betteln? Was ist nur mit dir los?

Ich bettle nach Bestrafung. Ich bettle nach der Strafe.

Ich bin Heimsuchung und Strafe, wenn ich in der Nacht den Vater wecke. Ich bin eine Geißel. Ich bin eine Zumutung.

Das Kind ist eine Zumutung. Von ihm nun jede Nacht geweckt zu werden, das darf doch wohl nicht wahr sein.

Ich bin Angst. Ich bin Angst und eine Strafe. Alles was ich bin, ist für meine Eltern eine Strafe. Schmerzen, Angst, wenn ich zusammenzucke und erschrecke, wenn ich allein in einem Raum, mit Tränen mich verstecke, bin ich auch Strafe für mich selbst. Ich bin die Strafe für meinen Schmerz. Ich bin gestraft für meine Existenz und meine Existenz ist eine Strafe. Die Angst verrät mich immer wieder.

Glaubst du ich sehe nicht, wie du mich anlügst!

Ich sehe doch, dass du dich fürchtest.

Sie werfen mir das vor, wenn ich die Angst verstecke. Auch das darf ich den Eltern nicht mehr zeigen. Ich muss mein Lügen bessern. Für meine Angst. Deswegen schicken sie mich weg. Sie wollen mich nicht sehen, wenn ich ängstlich bin und meine Angst verberge.

Das ist ansteckend.

Sie wollen nichts von mir. Sie wollen sich nicht anstecken.

In mir ist Angst, mich selbst zu äußern. Die Angst mich auszuleeren. Mit Wut und Tränen, Rotz und Wasser, Schleim. Ich huste, schlucke und verschlucke mich.

Verschluck dich nicht!

Ich schlucke meine Luft.

Siehst du, was dann passiert, wenn du dich so aufregst. Jetzt hättest du dich beinahe selbst erstickt!

Angst zu ersticken. Sie haben meine Angst gewarnt, dass ich damit ersticken kann. Sie drohen mir und meiner Angst.

Erstick doch!

Verreck doch endlich mit deiner Angst!

Ich rede mit mir selbst. In ihren Worten. Damit ich meine Angst nicht mehr verschlucke. Verreck doch an den Äußerungen. Verreck doch für die Worte. Ich sage nur, wie sie es immer wieder mir vorsagen.

Dir sollen die Worte im Halse stecken bleiben. Du sollst ersticken dafür, was du mir sagst.

Gefühle machen Angst und tun selbst weh. Das lerne ich. Dass Wünsche äußern, Angst bereitet. Gefühle äußern, macht unglücklich. Wie Angst zu träumen. Wie Angst davor, dass Träume wahr sind und wahr werden.

Ich habe Angst mich selbst zu äußern, mich mitzuteilen. Mit meiner Angst und meinen Wünsche, samt meiner Träume. Ich habe Angst, Gefühle zu verbreiten.

Sie schimpfen gegen meine Äußerungen, verlachen und belächeln sie. Sie lachen und verachten und beschimpfen mich, beschämen mich für mich und meine Äußerungen.

Ich soll mir hinter meine Ohren schreiben, dass alles was ich bin und sage, die Eltern trifft und ihnen schadet.

Mit Fremden spricht man nicht.

Ich soll das hinter meine Löffel schreiben, dass alles was sie tun, zu meinem Besten ist, und alles was ich daraus mache, dann meine Schuld bedeutet. Und wenn ich nicht das sage, was sie sagen und nicht das denke, was sie denken und nicht das fühle, was sie für mich empfinden, dann bin ich ein Verräter.

Schreib dir das endlich hinter deine Ohren! Dass alles was du sagst, für dich auch Konsequenzen hat.

Ich kann mich nicht mehr äußern. Ich habe viel zu große Angst, denn alles was ich sage, kann gegen mich verwendet werden.

Ich warte auf die Strafe.

Ich warte auf die Äußerung.

Ich werde sie bestrafen.

Ich träume ihre Lügen weiter.

Ich träume auch in ihrer Sprache.

Ich lebe in der Sprache meiner Eltern weiter.

Wie schrecklich ist das doch für mich, wie meine Eltern sein zu müssen und nicht nur das, auch für mich selbst nur immer Vater, Mutter sein, und niemals frei zu sein als Kind.

Allein nicht überleben zu können, ist für ein Kind real und keine Phantasie. Das wird sie in den Augen des Erwachsenen erst später, wenn die Erfahrung dieser Angst niemals bestätigt wird. Doch mit dem Wissen um die Angst des Kindes, vergeht der Zweifel am Gefühl und damit wird die Angst von mal zu mal geringer. Denn die reale Angst vertreibt die vorgestellte Phantasie, die Angst vor allem Möglichen. Wenn der Erwachsene versteht, wovor sich dieses Kind, das er einmal gewesen ist, solange wirklich fürchten musste, beginnt er sich von dieser Angst zu lösen, dann ist er nicht mehr allein. Weil er im Sinne eines Kindes fühlt.

Zum ersten Mal vielleicht beginnt er dann zu spüren, dass es Verwandlung gibt und auch Veränderung und dass dies ohne neue Angst geschieht. Das erste Mal begreift er weiter, dass ohne Schrecken, Schmerzen, ein Lernen und Verstehen möglich ist.

Das hatte ich noch nie erfahren, dass mein Verständnis keine Strafe nach sich zieht und keine neue Angst bedeutet. Dass Liebe für ein Kind dasselbe wie Verständnis ist und eine Freude.