Texte von Hugo Rupp

Abschied

 

Sie dachte sich: Ich werde nicht im Regen stehen und Moos ansetzen. Vielleicht werde ich ausbrechen. Wie das vor sich gehen wird, weiß ich nicht. Sie stand mit dem Brotmesser in der Hand da und betrachtete die rohen Streifen, die ihr Blut in den Stahl geschmolzen hatte. Sie verspürte Panik. Zu Stein zu werden, das ist ein Bild für den Tod, mag es noch so weit hergeholt sein. Aber zu geschmolzener Lava zu werden und einen Feuerofen in sich zu bergen?

Antonia S. Byatt, Frau aus Stein, Erzählungen: STERN- UND GEISTER- STUNDEN

Als Kind in Not gerettet werden, ist doch, muss doch in einem unvergesslich sein und unvergesslich auch dort bleiben. Als Bild und Emotion, als etwas wirklich unvergessliches und unvergängliches, an das man sich in höchster Not doch selbstverständlich dann erinnern kann.

Warum gibt es in meinen Träumen davon überhaupt kein Bild? Von meiner Mutter oder meinem Vater, und von mir? Dass mir die Mutter einfach hilft, ohne ein Zögern oder an der Lippe beißen und Gesicht verziehen und verreißen; wie Francis Bacon Bilder. Wie ich selbst später grimassierte, bis meine Kiefer streikten und mir wehtaten. Mit knirschendem Gesicht begegnete ich Freundlichkeit. Ich konnte Freundlichkeit gar nicht ertragen.

Dieses Gesicht der Mutter, wenn sie wütend war. Ins Stocken kam mein Atmen. Ihr Hass, weil ich ihr viel zu nahe kam.

Der Traum

Ein Raum. Ein Tagungsraum, mit einer Anrichte, ein Tapeziertisch, und ich sitze da und plötzlich kommen viele Menschen. Ein Tagungsraum ist das und eine Tagung findet statt. Ich weiß, ich sehe, und Männer sind jetzt da und stellen etwas auf, sie hängen auch was an die Wand, und das ist eine Lichtorgel. Versuchsanordnung, Utensilien. Die werden hier Versuche machen. Dann kommt mir der Gedanke: Telekinese. Mit Macht Gedanken zu beeinflussen und Gegenstände aufzuheben. Ich sage, dass ich mir auf keinen Fall, was davon anschauen oder anhören werde. Ich werde mir Versuche diesbezüglich nicht anschauen. Und gehe weg.

Dann draußen stehe ich in einer Landschaft, einem Garten und hinter mir, in meinem Rücken, an mir, wie ein Rucksack, hängt eine Frau. Sie trage ich wie einen Kinderrucksack, wie ein Mädchen, wie einen Bären-Rucksack für die Kinder. Sie trage ich problemlos mit mir rum. Ich gehe mit der Frau spazieren. Dann irgendwann steht sie vor mir. Ich wollte ihr Gesicht gar nicht mehr sehen. Da steht sie nun und sie ist klein, mit einem Bauch und ihre Haut ist blass. Sie hat mein Alter und ihr Blick ist tot und nichtssagend. Die Lippen hat sie nicht geschminkt. Wie eine Eva, die ich einmal vor Jahrzehnten kannte. Ihr Haar ist kurz und um die Stirn hat sie auch Locken. Die Nase spitz. Im Grunde sieht sie aus wie alle meine Freundinnen, in einer einzigen vereint. Wie M., die später krank wurde und irgendwann so zugenommen hat. Ich fühle keine Wiedersehensfreude. Nur eine Pflicht und Schuldigkeit, deswegen trug ich sie herum.

Die Frau sagt nichts, kein Wort, und jetzt ist Schluss mit dem Herumtragen. Ich frage, ob wir nicht ans Wasser gehen sollten, denn dort ist doch der See. In dem ich mit M. badete. Der See im Wald, die Sonne geht dort so schön unter. Ich frage sie, und sie bleibt stumm. Was immer auch passiert in meinem Traum, die Frau verzichtet unwillkürlich.

Nur wer als Kind nichts fühlen darf, muss die Gedanken seiner Eltern lesen. Nur wer nichts fühlt, ist auf die Fähigkeiten eines Wahns dann später angewiesen, als würde nur die Herrschsucht und Beherrschung der Gefühle etwas nutzen. Wie das die Eltern immer wieder vorspielten. Beherrschung der Gedanken eines Kindes, Beherrschung mit dem Wort. Mit Worten herrschten sie mich an. Mit ihren Worten brachte mir die Mutter Angst so bei, dass ich dann später in Gedanken, alles beherrschen wollte. Wie konzipierend jede Art Geschichte sei, die sich mit Herrschaft auseinander setzte, ohne zu sehen und zu hören, was Vater und was Mutter wirklich waren.

Ich trug die Mutter mit mir rum. In meinem und an meinem Rücken hing sie. Sie hatte sich dort festgeklammert. Umschlang mich wie ein Parasit. Die Mutter mit Gesichtern aller Frauen, die ich so lieben wollte. Wie sie mich festhält, ohne dass ich die Last bemerkte.

Ich weigerte mich meine Mutter aufzugeben. Ich ging mit ihr zum See. Dorthin also bin ich jetzt unterwegs. Zum See im Wald. Sie steht jetzt neben mir. Ich könnte einfach weggehen. Doch schaue ich sie an. Sie sucht nicht meinen Blick. Sie steht nur da, ohne etwas von mir zu wollen. Ich frage sie: Zum Ufer runter an den See. Zur Uferpromenade. Ich würde ihr Begleiter sein. Sie aber sagt gar nichts. Wie habe ich die Last nie sehen und empfinden können? Wie konnte das nur sein, dass ich mit meiner Mutter um den Hals spazieren ging und von der Last nichts mitbekam, wie sie mein Leben lenkte, dirigiert hatte. Dass ich gar nicht verstand, dass ich mit ihr in meinem Rücken ging.

Ich trug die Mutter wie ein Tier. Der Sohn, der seine Mutter trägt, die bleich und ungesund und ohne eignen Antrieb scheint. Als wäre ich ihr Sherpa. Als wäre ich ihr Lastesel. Als müsste ich zum Dach der Welt und meine Mutter dorthin tragen. Als müsste ich ihr Beistand sein, und ungefragt sie tragen und ertragen.

Wie tief Verachtung von Gefühlen wirkt. Verleugnend mein Verlangen. Betragen musste ich mich immer gut. Immer nur gut für sie betragen. Wie seltsam das auch heute klingt. Ein Kind muss sich betragen.

Ich konnte niemals leichter werden. Ich konnte mich mit meiner Mutter niemals leichter fühlen. Das ist genau, was ich verpasst habe, auf was ich doch verzichten hatte müssen, zugunsten meiner Eltern, und ganz besonders meiner Mutter. Dass nichts mit meiner Mutter leichter für mich wurde. Nichts wurde besser oder leichter oder freundlicher. Nichts wurde in mir fröhlich. Dank meiner Mutter wurde gar nichts für mich leichter. Das ist, was ich vermissen werde, oder verpassen, wenn ich die Mutter endlich absetze, wenn ich sie einfach stehen lasse, wenn ich sie einfach lasse, wie sie ist.

Sie sagte nie etwas zu mir. Sie sagte nur: Das geht vorbei. Das ist nicht schlimm. Das ist jetzt gleich wieder vorüber.

Besessenheit

Wie sehr ich doch von ihr besessen war, wie sehr sie mich besaß, wie sehr sie doch Besitz von mir ergriffen hatte, als ich ihr Kind war und so klein. Dass ich nicht unterscheiden lernen konnte zwischen Beziehung und Verbindung und besessen sein; dass es doch Unterschiede gibt. Dass es was gibt, das ohne Einverleibung, Einvernahme bleibt. Die Bindung durch die Liebe, ist immer freiwillig und niemals Einverleibung und Besitznahme.

Die Mutter konnte ich nicht abschütteln. Ich konnte mich nicht gegen ihren Irrsinn wehren. Das war in mir und zitterte in jeder Nacht. Gegen die Mutter kann ich nichts ausrichten. Weil sie mir meine Freude nahm und meine Wut und meinen Mut.

Wie Ahab seinen weißen Wal verfolgt, besessen ist von seiner Auslöschung, wie er mit Moby-Dick dann untergeht; und wie die Junkies Drachen reiten und verjagen.

Besessen fühlt sich so ein Kind wie ich und weiß nicht mal von wem.

Dich reitet wohl der Teufel, sagt der Vater.

Als würde etwas ohne mich in mir nach allen Seiten rennen und ausbrechen. Nur weg von mir und raus aus meinem Leib.

Wie die Entzugserscheinungen in einem Körper sich nach dem Absetzen des Giftes endlich äußern.

Während ein Teil von mir an meine Mutter, ihre Märchen, Lügen, glauben musste, versuchte ich doch auch von ihren Worten loszukommen, von ihren Flüchen und Verwünschungen. Indem ich schrie und einen Tobsuchtsanfall augenblicklich später dann bekam, wenn sie mich angerufen hatte. Von Anfang an erzählte sie, wer tot sei, neuerdings verstorben war. Von ihrer Todessehnsucht und Besessenheit. Dass sie die Wut dabei verschwinden ließ, mit ihrer Hoffnungslosigkeit. Vom Untergang und an der Auslöschung besessen. Das lernte ich von ihr, besessen vom Gedanken sein, sich selbst mit Freude auszulöschen.

Vom Leben eines Süchtigen.

Wie sie mir meine Nase putzte und mich dabei beschimpfte, dass ich ihr das zum Fleiß tun würde, die Nase laufen lassen, Schleim produzieren und so husten. So schimpfte sie und schaute so, als würde ich ihr weh tun und sie quälen. Sie quälen und sie peinigen, wenn meine Nase lief, ich Schnupfen hatte oder mir was andres fehlte. Dass sie besessen war von was, das konnte ich nicht einmal ahnen. Das ließ mich ratlos, schuldig und beschämt zurück. Das ließ mich immer tiefer an mir zweifeln, und das verzweifelte mich auch zutiefst. Dass ich mit jeder Äußerung den Wahn, den Irrsinn meiner Mutter wecken konnte, das wusste ich, doch nie, dass sie besessen war, nicht ich. Ich dachte doch, ich wäre das, der meine Mutter so aufregte. Ich wäre doch dafür verantwortlich, wenn sie besessen wurde.

Besessenheit ist Wiederholungszwang, das immer wieder sich antun, oder an andere so weitergeben, was man als Kind leidvoll erleben und erfahren musste. Nur stumm ertragen und ertragen und nichts dagegen tun und schweigen.

Ich machte das nicht nach, was meine Eltern mir in meiner Kindheit angetan hatten. Ich war, wie sie zu mir, solange ich mich nicht befragte: Was würde ich denn ohne meine Eltern fühlen?

Ich war wie sie.

Es war mir als Kind nicht erlaubt, mit mir selbst Mitgefühl zu üben. Die Mutter hat mir das niemals erlaubt. Sie hat mir das doch strikt verboten und verboten, dass ich in Gegenwart von anderen mein Weinen oder meine Wut herzeigte.

Ein Zeuge für die Kindheit tut das ja: erlaubt dem ehemaligen Kind, erstmals mit sich, selbst Mitleid, Mitgefühl zu zeigen und zu haben.

Es war mir nicht erlaubt, als Kind, mit mir selbst Mitgefühl zu haben. Indem mich meine Mutter wegsperrte, alleine ließ mit meinen Tränen und dem Schreien. Es war mir nicht erlaubt, und auch niemandem sonst, Mitleid und Mitgefühl mit mir als Kind zu fühlen. Es war mir nicht erlaubt, den Trennungsschmerz selbst zu ertragen. Zu fühlen und auch zu empfinden, was es bedeutet von sich selbst getrennt zu werden, allein zu sein als Kind.

Von sich und seiner Liebe abgetrennt, fühlt sich so an, als würde man entzweigerissen werden. Wenn sie mich in die Einsamkeit verstieß. Deshalb war ich von ihr besessen, von einer Möglichkeit zur Liebe. Denn jede Art Besessenheit deckt Trennungsschmerz vollkommen zu.

Ich konnte später Trennungsschmerz nicht wirklich äußern. Ich konnte Trennungsschmerz nicht wirklich wahrnehmen.

Mit seinem Trennungsschmerz aber, nimmt sich ein Kind dann endlich selber wahr und unterscheidet sich von seinen Eltern.

Besessenheit war die Beziehung, die ich von meinen Eltern lernte.

Trennt sich ein Kind wie ich, von einem Teil, ist die Beziehung auch zum anderen Teil naturgemäß beendet. Mit seinem Trennungsschmerz, begreift das Kind sich endlich selbst. Den Abschied von den Eltern, dass das doch möglich ist, ohne die Angst selbst aufzuwachen..

Jetzt fällt mir wieder ein Gefühl von früher ein. Zum einen helfen, und vom anderen gefressen werden. Dem einen helfen, und vom anderen bestraft werden. Niemals für mich entscheiden dürfen.

Ich hatte Angst, die Eltern würden mich zerreißen, wenn ich nur irgendwie mich auf die Seite meines Vaters oder auf die der Mutter stellen würde. Besessen wurde ich von beiden. Sich selbst zerrissen fühlen müssen. Sich selbst und andere zerreissen müssen, Beziehungen zerstören müssen, hört durch die Trennung auf.

Trennung/Bloßstellung

Mit welcher Art Herablassung dann später so ein Kind wie ich, das Leid der anderen verleugnet, als wäre das gar nichts. Als hätte niemand was zu sagen, der ein Kind ist. Wie Vater mich an meinem rechten Bein Kopf voraus aus dem Fenster hielt, nur lächelte und sagte: Du brauchst doch keine Angst zu haben, Kind! Ich halte dich doch fest. Dir kann gar nichts passieren.

Für meinen Vater gab es gar nichts für ein Kind zu klagen. Dieselbe Art Herablassung, die Klagen eines Kindes seien unerheblich und Kinderleid nur unbedeutend.

Ich wusste nicht, dass man sich von den Eltern trennen kann, wenn man begreift, wie schädlich die Abhärtung ist, die man als Kind geniessen musste. Was abgehärtet, abgetötet wird, sind die Gefühle auf Empfindungen. Dass die Empfindung selbst nichts bringt, lernt so ein Kind wie ich. Mich immer bloßgestellt zu fühlen, solange ich was fühlte.

Sie trennten sich von mir ununterbrochen, ohne Unterlass. Sie ließen mich ununterbrochen so allein und haben mich damit verraten; bloßgestellt. Was ich von beiden immer gleichermaßen fürchten lernte.

Die Bloßstellung, der immer wieder erste Trennungsschmerz.

Vom Trennungsschmerz geheilt wird dann ein Kind. Vom eignen Schmerz endlich geheilt. Sich selbst durch das Gefühl geheilt zu haben, ist die Empfindung dieses Schmerzes wert. Denn Bloßstellung machte die Freude hin. Die Mutter, wie sie lachte, lachte über mich, wenn ich mich freute, Lust empfand und voller Kindlichkeit, am Leben und bei Laune war, mein Herz zum Überspringen voll und wahr, wollte ich mich ihr mitteilen. Doch das verhinderte die Mutter, Mal zu Mal, und später auch mein Vater.

Und endlich merke ich, dass meine Mutter und mein Vater nicht mehr zu mir kommen, um mir die Freude wegzunehmen. Sie werden nie mehr dazu kommen, mir meine Freude wegzunehmen, weil meine Freude, endlich von meinen Eltern abgetrennt, an dieser Trennung nicht mehr leiden kann. Die Schadenfreude geht jetzt weg.