Der ungelöste Schrei. Der Schrei gegen Gewaltandrohung. Der Schrei, der später die Gewalt androht und nach Gewalt andauernd schreit. Der ungelöste Schrei, der später immer wieder die Gewalt anstößt und sie entblößt. Der Schrei, der Wut und Zorn in einem Kind verachtet und verhindert und einbüßt. Der Vater legt mich übers Knie. Und Mutter lächelt leise. Mein Traum vom See. Androhung von Feuer und Gewalt und Untergang. Ertrinken und verbrennen. Und Mutter achtet tunlichst darauf, dass ihr das Wasser nur bis zum Hals steht. Endlich begreife ich. Sie geht ja gar nicht unter. Sie wollte gar nicht untergehen oder sterben. Sie drohte nur damit. Denn ich steh ganz am Rand, am Ufer zwischen Bäumen, Sträuchern und schaue auf den See, allein. Sie droht mir unablässig mit Gewalt und Untergang. Sie droht mir unablässig mit Verleiden. Jetzt geh ich weg und du bleibst ganz alleine hier. Die Angst war immer da. Selbst für die Sehnsucht nach Geborgenheit und Zärtlichkeit. Mich mit Gewalt bedrohen und ermahnen, dass keine Zärtlichkeit aufkommt. Dass keine Zärtlichkeit in mir mehr greift. Du solltest dich was schämen. Weil ich nicht schamlos war. Nicht schamlos und nicht schlecht. Ja, schämst du dich denn gar nicht? Denn wenn ich zärtlich war, dann wurde ich bestraft. Deswegen habe ich mich dann geschämt für jeden Akt der Zärtlichkeit an sich. Ich habe mich der Zärtlichkeit wegen geschämt. Aus Schaden konnte ich nicht klug werden. Wenn ich von innen rief, aus Hunger und Verzweiflung, kam immer nur Verachtung und Gleichgültigkeit von außen auf mich zu. Du hältst ja gar nichts aus. Und später dachte ich, sie waren gar nicht schlimm und ich deshalb nichts wert gewesen. Ich dachte immer nur, ich sei ein Schwächling und Versager und würde eigentlich nur kränklich sein, nur kränklich sein können. Aus Angst. Sie hauten und sie hackten auf mir rum. Jetzt bist du ja schon wieder krank. Was ist nur mit dir los? Die Angst, die machte mich unschädlich. Die Angst davor mich abzutrennen von denjenigen, die schädlich für mich sind. Gleich kommt der Schwarze Mann. Mein angepacktes Herz. Wie die Beklemmung in mir wuchs und nach mir rief. Dieses Gefühl, das mich von Anfang an begleitet und verfolgt hatte, das kommt jetzt endlich raus. Warum schreist du denn so? Plötzlich begreife ich, dass nur mein Schrei mich einst begleitet hat und nicht die Schreie meiner Eltern. Nur meine Schreie haben mich begleitet und heimgesucht dann in der Nacht. Nur meine Schreie konnten mich begleiten und heimsuchen. Nur meine Schreie konnten mich begreifen, doch nur die eigenen. Nur meine Schreie konnten mich begleiten, als Kind in meiner Einsamkeit. Nur meine Schreie haben mich begleitet. Und nicht alleingelassen. Nur meine Schreie haben mich nicht verlassen, nicht allein gelassen. Nur meine Schreie haben mir geholfen. Nur meine Schreie haben mich nicht angegriffen. Nur meine Schreie haben mich begriffen und können mich befreien von meiner Scham und meiner Schuld, die ich mir eingebildet habe. Nur meine Schreie haben mich Kind, das ich gewesen war, noch angetroffen. Der Schrei, der mir gehört und zu mir paßt. Der nur auf mich aufpaßt. Nie wieder muss ich mir versichern und einreden, die Mutter und mein Vater könnten mich tatsächlich hören und wissen wollen, was mir fehlte, wenn sie nur wollten. Nie wieder muss ich denken, sie könnten meine Not erkennen, begreifen und sich um mich sorgen. Endlich verstehe ich den Traum. Ich geh auf einer Wiese abwärts. Plötzlich bemerke ich, dass mir jemand die Taschen ausgeleert hat. Dass jemand mir die Geldbörse gestohlen hat, mit all meinen Papieren oder Sachen. Und meine Schlüssel sind auch weg. Ich gehe weiter und dann merke ich, dass niemand etwas davon wissen will. Dass niemand das begreift. Dass niemand wissen will, dass mir was widerfährt. Niemand will etwas davon wissen. Niemand will was erfahren. Was fällt dir ein!? Wenn jemand mir was stiehlt, wenn jemand mir was wegnimmt, dann werde ich doch wütend. Wenn mir jemand etwas wegnimmt, mir dauernd etwas vorenthält und mir wehtut, dann werde ich doch wütend. Wenn mich jemand für blöd verkauft, dann werde ich doch wütend. Wenn mir jemand verbietet überhaupt zu antworten, mich überhaupt zu äußern, dann werde ich doch wütend. Wenn jemand mich mundtot macht, mir einen Maulkorb verpaßt, dann werde ich doch wütend. Wenn jemand mir wehtut, dann will ich das doch ändern. Was bildest du dir ein!? Wenn jemand mir wehtut, dann muss ich das doch wissen. Ich muss doch wissen, wer und was mir wehtut. Das ist ein dicker Hund. Wie wütend mich Verachtung und Gleichgültigkeit gemacht hatten, die Seelenruhe meiner Eltern. Die Seelenruhe meiner Eltern und aller anderen. Dass niemand etwas wissen hatte wollen von Tränen, Schreien. Dass niemand was riskiert für sich und für sein Kind. Du hast doch alles, was du brauchst. Du hast gar keinen Grund zum Klagen. Du kannst dich nicht beschweren. Warum ich immer wieder nach dem Schlaf am Nachmittag ein schlechtes Gewissen hatte, warum ich doch im Grunde mich beklagte, mich über mich beklagte, dann immer dann, wenn ich verschlafen war, nicht richtig ausgeträumt, wenn ich nicht richtig ausgeschlafen hatte, dann dachte ich, dass ich davon geträumt hätte, mich zu beklagen, mich endlich auszusprechen, mich reden zu lassen, mich endlich vorzuwagen, um meine Eltern zu ergreifen, wenn ich das mir nur eingebildet und so vorgenommen hatte, dann fühlte ich mich schuldig und schämte mich dabei. Ich griff mich an für jede Art von Klage oder Widerrede nur in Gedanken gegen meine Eltern. Ich griff mich selber dafür an, wenn ich mir nur vornahm der Mutter und dem Vater was zu sagen. Das Schlimme war, dass ich den Klagen niemals widersprach. Wenn Seelenruhe bricht Wenn Vater kommt am Ende eines jeden Tages und seine Macht darstellt. Auf allem und auf jedem immer nur herumzuhacken und herumzureiten, im Grunde alles immer nur bestreiten und verderben. In einem fort verbieten und verachten. Verbieten und verderben, auch wenn er etwas hergibt und mir schenkt. Denn ich hab nie von ihm bekommen, was ich mir wünschte. Ich dachte immer nur, ich wäre kleinlich, unausstehlich, undankbar, wenn ich von Vater was geschenkt bekommen hatte und mich nicht richtig freute, ein böses Kind, ein dummer Junge, der gar nicht weiß, wie gut er es getroffen hat mit einem solchen Vater. Man muss dich regelrecht zu deinem Glück zwingen. Ja freust du dich denn gar nicht? Du weißt ja gar nicht, was du an uns hast. Ich habe nur geweint. Nach all den Jahren und Jahrzehnten, ist mir das endlich aufgefallen. Ich habe nur geweint. Ich war kein böses Kind und bin ein böses Kind für ihn geblieben. Wie mich mein Vater hingestellt und dargestellt hatte, als wäre ich verdammt, verflucht und zugenäht, und er ein guter Vater. Wir werden uns noch sprechen. Endlich verstehe ich die Angst. Für all die Fragen, die ich hatte und wenn ich ihn ansah. Mein Vater hatte kein Gesicht für meine Fragen. Er hatte kein Gesicht und kein Gefühl. Was soll denn das heißen? Er hatte kein Gesicht, das nur den Zug von Zärtlichkeit verheißen wollte. Vollkommen teilnahmslos. Im Grunde gar nicht da. Kein ablesbares Mitleid. Deswegen hatte ich so eine Angst. Der Schrei. Sei endlich still. Was fällt dir ein. Er hat mich immer nur beschämt, auch wenn er mir die Hand gegeben hat, wenn er mir etwas reichte oder schenkte. Auch wenn er scheinbar half, hat Vater mich beschämt. Er hat mich immer nur beschämt. Der Hund, dem ich die Hand hab reichen müssen, hat einfach zugebissen. Sein beißendes Gesicht, das er auch tot aufstellte. Die beißende Verachtung im Gesicht. Die habe ich gesehen. Was weinst du denn? Was ist denn los? Was bildest du dir ein? Ich musste mich daran gewöhnen. Wovor ich so erschrocken bin. Vaters Gesicht. Sein stummes Lächeln, wenn er mich schlägt. Die Art Genugtuung, mit der er schließlich seinen Atem anhält voller Stolz. Gelassenheit und kaltem Zorn. Was schreist du so? Für den Versuch mit meiner Zärtlichkeit bei ihm zu landen, hat Vater mich bestraft. Das bildest du dir ein? Sein Grinsen, wenn mir was fehlte, lag förmlich auf der Haut und auf der Hand. Das Grinsen meines Vaters vor den Augen. Dass er mich nur verachtet hat, wenn ich nach Liebe Ausschau hielt, weil sie mir so sehr fehlte. Was fällt dir ein? Endlich kann ich die Absicht spüren und erkennen. Mir immer dann noch weh zu tun, wenn ihm die Schwäche und die Zärtlichkeit an mir ins Auge stachen. Wenn meine Schwäche und mein Zärtlichkeitsbedürfnis doch augenfällig waren, gerade dann hat er mich tief verletzt. Sie ließen mich für meine Laute und mein Weinen büßen. Das bildest du dir ein? Endlich verstehe ich den Schrei, mein Weinen und mein Flüstern. Ich habe doch für mich gesprochen, mit meinen Tränen und den Schreien. Ich habe doch für mich gesprochen. Ich habe doch für mich geweint und damit nichts getroffen. Was ist denn das für ein Geschrei? Wer bahrt denn einen toten Jungen auf? Wer lässt sich denn so etwas einfallen. Und warum ließ ich mir das nicht entgehen? Was musste ich mir noch von Anfang an tatsächlich bieten und gefallen lassen? Die Phantasie Ich liege bis zum Kinn zugedeckt in einem Krankenbett, und Mutter sitzt neben mir und redet unaufhörlich auf mich ein. Sie sitzt auf einem Stuhl und schaut ganz selig vor sich hin, nur von mir weg. Und endlich weiß ich wieder was das war, was sie in ihrer Seelenruhe trieb. Sie würdigt Vaters Taten. Sie würdigt seinen Mut und seinen Ehrgeiz, seinen Tatendrang. Sie würdigt seinen Mut zur Grausamkeit, mich anzugreifen und zu schlagen, mich zu beschimpfen und so weiter. Sie würdigt seinen Stolz. Sie spricht voll Ehrfurcht von der Fähigkeit, mir weh zu tun, mich zu besiegen, mich zu erniedrigen und mir im Grunde alles zu verbieten und wegzunehmen, was mir Spaß macht und Freude bereiten könnte. Sie würdigt seinen Stolz mit unheiliger Kraft. Die unheilige Kraft, die von ihr auszugehen scheint, wird mir jetzt endlich klar, nie hinterfragte Angst, die Angst des kleinen Kindes vor der Übermacht. Die Angst des kleinen Kindes vor den übermächtigen Ängsten, quälende Geister der Gefahr. Was soll denn das? Was bildest du dir ein? Ich durfte nicht gegen Vater weinen, nicht einmal schreien und mich erbrechen. Ich konnte nicht dagegen sein, sonst wurde ich bestraft, ins Bett gesteckt. Ans Bett genagelt, zugedeckt, allein gelassen, mit Drohungen und Prophezeiungen, was mir noch alles blühen würde, wenn ich nicht still sein will. Wenn ich nicht augenblicklich still bin. Was noch passieren kann, wenn ich nicht sofort schweige. Was bildest du dir ein? Mich würdigte sie keines Blickes. Quälende Geister der Gefahr Was schnaufst du denn?! Was ist denn mit dir los! Ich schämte mich für meine Schmerzen. Denn meine Mutter und mein Vater standen vor mir und feierten die Grausamkeit mit den Gesichtern. Das schlägt dem Fass den Boden aus. Was bildest du dir ein. Der Grausamkeit mit Ehrfurcht gegenüberstehen, das sollte ich von meinen Eltern lernen. Still, stolz und ehrfürchtig dem Vater und der Mutter und ihrer Grausamkeit zuschauen und begegnen, gehorchen und genügen. Die Grausamkeit anbeten, als wäre sie ein Gut. Der Grausamkeit ehrfürchtig gegenüber sein, als wäre sie ein guter Geist. Nichts an den Eltern war in Wahrheit für mich gut, nichts war anbetungswürdig. Werd nur nicht frech. Mein Vater mit den schiefen Zähnen und seinem Maul und seinen Augen, und Mutter schweigt. Nur Grausamkeit als Antwort auf mein Sehnen. Von ihm ging doch nur Grausamkeit im Grunde aus. Was schreist du denn? Es kam nur Grausamkeit, wenn mir was weh getan hatte. Das ist doch gar nicht wahr. Ich durfte mich nicht einmal nur ausweinen. Ich durfte nie nur einmal weinen, ohne dafür bestraft zu werden. Sei endlich still. Ich konnte mich nicht einmal schämen, ohne mich davor gleich wieder fürchten zu müssen, dass mir noch etwas schlimmeres passiert, dass mir was weitaus schlimmeres gleich widerfahren würde, wenn ich nicht sofort still sein wollte. Sei endlich still. Und setz dich jetzt gefälligst einmal leise hin. Ich konnte mich nicht einmal ohne Angst als Kind benehmen. Ich durfte mich nicht einmal ohne Anweisungen hinsetzen. Ich sollte mich nicht ohne Grund schämen. Ich sollte doch der eigentliche Grund für mich selbst sein. Ich selbst der Grund um mich zu schämen. Und dabei dachte ich dann später, ich hätte wie ein Krokodil geweint. Siehst du, jetzt ist es doch vorbei. Das war doch nicht so schlimm. Ich hab als Kind nie wie ein Krokodil geweint. Ich hab geweint, dass sich die Balken bogen, so wie ein Kind nur weinen kann. Was hustest du denn so? Hust endlich einmal richtig. Und jetzt kommt endlich hoch, was die Verzweiflung mir zu sagen hat. Ich musste ihr gefallen. Ich musste meiner Mutter doch gefallen, sonst hätte sie mich tot geschüttelt. Sonst hätte sie mich umgedreht, mich auf den Kopf gestellt, schließlich nur immer wieder aufgeschüttelt. So wie ein Bett am Morgen. Du böses, böses Kind. Sei endlich still. Ich konnte mit der Sprache meiner Eltern doch nur schlecht werden. Nur schlecht und dabei kam ich nie auf die Idee, dass es nicht an mir lag, gar nicht an mir gelegen hat, sondern an ihrer Sprache und dem Verhalten, dass ich nur schlecht dann über mich und jeden andern denken hatte können. Ich kam auf keinen grünen Zweig, solang mir keiner vorgehalten wurde. Ich sah mein Auge nicht. Ich sah mein eigenes Antlitz nicht. Was fällt dir ein! Dass ich mit dieser Sprache, ohne Gefühl und Zärtlichkeit, nur schlecht, nur schlechtes Denken lernen kann. Dass ich nur Schlechtes über mich und alle anderen berichten kann. Dass ich mit dieser Sprache mir doch nur Schlechtes antun kann und dass ich mir nur Schlechtes antun kann, weil ich mit diesem Denken, mir doch nur Schlechtes vorstellen kann. Dass ich mit dieser Sprache, ohne Gefühl und Wärme, ohne Menschlichkeit, vollkommen ohne Zärtlichkeit, mir doch nur Schlechtes über mich und alle anderen zusammenreimen und erzählen kann. Was führst du dich so auf! Warum ich so versessen bin auf diesen Schrei, weil er mich trennt von meinen Eltern, weil er mich trennt von meiner Muttersprache und der Sprache meines Vaters. Weil dieser Schrei mich trennt. Weil dieser Schrei mich kennt, um meinen Hunger weiß nach der Lebendigkeit und Zärtlichkeit. Weil dieser Schrei nicht das verkennt, was meine Eltern mir von Anfang an mit ihrer Sprache vorenthalten haben. Weil dieser Schrei mich nicht verkennen kann, egal was meine Eltern oder irgendjemand anderer auch sagt. Jetzt kommst du in ein Heim. Was mich doch so an ihm erschreckt hatte. Wie er mich vorführte. Wie er mich dirigierte. Wie er mich inszenierte und wie er sich dabei gefiel. Die Grausamkeit erzeugen Was bildest du dir ein? Solange ich mich schäme, solange ich mich schämen muss für das, was mir als Kind von meiner Mutter und von meinem Vater angetan wurde, bleib ich in meinem Schneckenhaus mit meinem Schrei allein. Solange ich mich schämen muss für die Gewalt und Grausamkeit, die ich als Kind erfahren habe, muss ich den Schrei alleine in mir halten und ersticken. Solang kommt mir der Schrei nicht aus, weil er mir nicht auskommen kann, aus Angst. Aus Angst vor der Bloßstellung. Was fällt dir ein! Er hatte mich zur Schau gestellt. So wie die Eltern dieses toten Jungen im Leichenschauhaus damals den Sohn zur Schau gestellt hatten. Und niemand hatte sich beschwert und aufgeregt über die gnadenlose Zurschaustellung. Was fällt dir ein? Er kam nur näher, um mich anzugehen und mir weh zu tun. Um mir die Schau zu stehlen und mich zur Sau zu machen. Was fällt dir ein!? Wenn jemand sich behauptet, wenn jemand sich doch nur behaupten will, dann muss ich ihm dazwischen funken, dann muss ich ihm die Schau stehlen. Wenn jemand sich doch nur behaupten will. Wenn jemand doch nur seinen Willen kundtut, dann muss ich ihn beschuldigen. Wenn jemand sich doch nur behaupten oder erklären will, dann muss ich ihn bloßstellen. Dann muss ich doch behaupten, er würde angeben. Er würde nur ein Angeber sein, wenn er sich selbst behaupten möchte. Wenn jemand sich behauptet, dann muss ich ihn verspotten und angreifen. Endlich begreife ich Rivalität, als Ausdruck jenes unterdrückten Schreis, doch immer nur zur Sau gemacht worden zu sein als Kind, wenn ich nach Anteilnahme und nach Nähe schrie. Doch immer nur zur Schau gestellt worden zu sein, wenn ich aus Hunger schrie und mich verletzt gefühlt hatte. Was fällt dir ein. Wenn ich nur Hunger hatte und nach jemand Ausschau hielt, hat Vater mich beschimpft. Was bildest du dir ein! Du hast doch alles, was du brauchst. Für meinen bloßen Wunsch, dass sich was besserte, dass sich was ändern sollte, hat Vater mich zur Sau gemacht und bloßgestellt. Dass ich, doch schon zusammenfuhr und gleich zusammenzuckte. Wenn ich ihn nur in meiner Nähe wähnte, fuhr ich zusammen und erschrak. Was denkst du dir eigentlich dabei? Von Anfang an lag über mir ein schwerer Teppich, Feindschaft, Feinseligkeit und die Verachtung. Mich schaute aus den Augen meines Vaters nur Gegnerschaft, Misstrauen und Verachtung an. Von Anfang an. Endlich komm ich auf einen grünen Zweig mit meinem Zorn, endlich kann ich mir selbst damit ins Auge blicken und mir helfen. Die eigene Feindseligkeit, die fällt mir endlich auf. Wie ich mich selbst damit zur Schau stellte. Wie ich mich selbst wortlos, im Grunde Wort für Wort, aufgab. Der Selbsthass springt mich an, nur Selbsthass springt mich förmlich an und spuckt mir ins Gesicht und in die Augen. Was bildest du dir ein? Endlich begreife ich, der Selbsthass ging ins Auge, nicht meine gute Wut und nicht mein guter Zorn. Ins Auge gehen Du Zornbinkel! Ich Zornbinkel. Dass sich mein Körper als Kind schämte. Rein körperliche Ablehnung. Dass sich mein Körper für mich schämte. Dass sich mein Körper für mich schämen muss, für Vaters Demütigungen. Das bildest du dir ein?! Dass ich mich für mich schämen musste, mich für mich selbst. Das hat sein erster Schlag gemacht. Und jeder weitere und jedes nächste Lächeln oder Lachen hatten mich weich geklopft, empfänglicher gemacht für die Verachtung und Beschämung. Endlich wird mir meine Verletzung klar. Verletzung meines Körpers reiner Seele. Verletzung einer unschuldigen Seele. Was bildest du dir ein? Immer wieder hat er das von Anfang an gemacht. Was fällt dir ein? Die Schreie kamen ganz von selbst, aus eigenem Antrieb, als Reaktion auf die Demütigungen. Wie überaus verletzend und beschämend das gewesen war, nicht einmal schreien zu dürfen. Nicht einmal schreien und weinen zu dürfen, wenn er mir wehtat. Aber an K.s Gurgel legten sich die Hände des einen Herrn, während der andere das Messer ihm ins Herz stieß und zweimal dort drehte. Mit brechenden Augen sah noch K., wie die Herren, nahe vor seinem Gesicht, Wange an Wange aneinander gelehnt, die Entscheidung beobachteten. „Wie ein Hund!“ sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben. Franz Kafka Der Prozeß Wie demütigend das ist, sich selbst als Opfer noch zur Schau zu stellen und sich dafür zu schämen, sich dafür schämen zu müssen, ein Opfer von Gewalt zu sein. Zur Schau gestellt zu werden. Zur Schau gestellt und vorgeführt, nur ausgestellt, um bloßgestellt zu werden. Was fällt denn dir ein!Die verbotene Wut
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