Texte von Hugo Rupp

Lebenslüge

 

Ich kann mir keinen Zustand denken, der mir unerträglicher und schauerlicher wäre, als bei lebendiger und schmerzerfüllter Seele der Fähigkeit beraubt zu sein, ihr Ausdruck zu verleihen.

Montaigne

Nicht bewegen, schreit er mir von unten kommend zu. Nicht bewegen. Bleib nur schön da oben stehen. Rühr dich nicht vom Fleck.

Er schnauft und schnaubt.

Vater schlägt mir ins Gesicht. Schlägt mich mit der flachen Hand auf ein Auge. Schlägt mir ins Gesicht.

Auf die Freude, die ich hatte, dort am Berg. Bin allein dorthin gegangen. Ohne Aufsicht, ohne Vater, ohne Mutter. Bin allein dorthin. Bin allein dorthin. Bin allein dorthin. Bin allein dorthin. Kann alleine gehen. Bin allein dorthin. Bin allein dorthin. Bin allein dort hin, sage ich zu mir.

Ich wollte plötzlich nicht mehr heim.

Der Hut flog ihm vom Kopf, sagt Vater.

Der Hut flog ihm vom Kopf, wiederholt meine Mutter und nimmt ihn in die Hand und sucht am Hut nach Flecken.

Sie sehen keine Wunden. Sie nehmen keine wahr. Für meine Eltern bin ich unverwundet.

Ich stand mit Elend und mit wundem Herzen da, und niemand von den beiden nahm mich wahr. Zwei Jahre war ich alt. Geschlagen und gezogen und gezerrt und unentwegt beschimpft, bedroht, gedemütigt, erniedrigt und beschimpft, beschimpft, verflucht, verängstigt und seltsam fremd, doch nahe bei den Eltern, so dass ich ihren Atem riechen konnte.

Was hast du denn? Was schaust du so?, das fragen sie mich immer wieder. Wenn ich sie von der Seite her anschaue, wie sie so miteinander reden, wie sie vollkommen ungerührt vor mir, agieren, handeln.

Ich spielte nicht mehr ohne Angst. Ich atmete nicht ohne Angst. Ich hielt den Atem an, wenn ich meinen Vater kommen sah.

Es gibt doch schließlich Schlimmeres, sagt meine Mutter vorwurfsvoll. In Afrika verhungern Kinder. Da geht es dir doch gut bei uns.

Mein Vater redete vom Schneiden und Verstümmeln und von verlorenen Gliedmaßen und vom verletzt werden. Dass sich derjenige, der sich mit einem Stärkeren anlegte, doch nur ins eigne Fleisch schneiden würde. Er sagte, wenn ich zu ihm in die Werkstatt kam, ich solle aufpassen und unter keinen Umständen das Stemmeisen anfassen, denn damit könnte man sich schwer verletzen.

Ich sagte mir, du hast dir mit einem Stemmeisen den halben Finger weg geschnitten; den Mittelfinger deiner linken Hand. Du hast dir dort sehr weh getan. Ich erzählte später in der Schule immer wieder, dass ich mir, als ich zwei Jahre alt war, bei meinem Vater in der Schreinerei mit einem Stemmeisen beinahe den ganzen Finger abgehackt hatte. Weil ich nicht aufgepasst hatte. Ich erzählte das und war stolz auf meine Verletzung. Ich war stolz darauf, dass diese böse Wunde ein Erlebnis war, das ich verwunden hatte. Die Wunde hatte ich geheilt.

Als ich sechzehn war, erzählte ich noch immer die Geschichte, bis mich jemand aufforderte, meinen Finger her zu zeigen. Ich zeigte meinen Finger. Da war keine Narbe. Da war nichts von einer früheren Verletzung sichtbar. Wenn ich mich so verletzt hatte, wie ich doch selbst erzählte, dann müsste man doch etwas sehen können. Da war nichts. Und ich verstand tatsächlich nicht, wie ich mich selbst so lange schon anlügen hatte können. Wie die Geschichte mich berührt hatte. Ich sah den Finger immer wieder an und fand für mich doch keinerlei Erklärung. Da war gar keine Narbe. Es gab dort keine Wunde. Da war noch nie eine gewesen. So konnte Haut nicht heilen, bei einer solchen Wunde nicht. Man müsste etwas sehen können.

Du phantasierst, das bildest du dir nur ein, sagen meine Eltern, wenn ich von Unglücksfällen und Verbrechen, wenn ich von Ungerechtigkeit und Unrecht spreche.

Dass meine Phantasie nur scheinbar eine Lösung war, das wusste ich selbst nicht. Dass meine Stemmeisengeschichte von mir erfunden worden war, das hatte ich vergessen.

Ich sah doch jeden Tag die eigenen Hände. Ich wusch die Finger, schwamm und spielte damit Spiele. Ich fasste damit Sachen an. Ich rieb sie. Ich klatschte damit, und ich legte sie auch gegen Fensterscheiben. Der Regen klatschte darauf. Der Regen hatte meinen Finger nicht geheilt. Der Finger war doch nie verletzt gewesen. Doch die Geschichte hatte mich gerettet. Sie hatte meinen Schmerz verschoben, sie hatte mich rein äußerlich geheilt. Die Wunde hatte sich doch offensichtlich ganz geschlossen. Als wäre nie daran ein Schmerz, ein Riss gewesen.

Ich konnte die Geschichte niemals für mich klären. Ich wusste nie, was sie für mich als kleines Kind bedeutet hatte. Warum ich sie benutzt hatte.

Ich zweifelte an mir. Ich zweifelte an meiner Erfahrung. Ich zweifelte an meiner Erinnerung. Ich stellte mich in Frage.

Die Zeit heilt alle Wunden, sagen sie.

Ich musste diese Lüge glauben. Sie hatte einen Hoffnungsschimmer.

Ich bin zutiefst verletzt gewesen. Ich war zutiefst verwundet. Doch niemand hatte davon etwas wissen wollen.

Ich konnte mir als Kind nicht helfen. Sie ließen das nicht zu. Ich durfte meiner Mutter nichts von meinem Leid erzählen, sie hörte mir nicht zu. Mein Vater konnte mich nicht leiden, wenn ich ihm nicht auf Schritt und Tritt gehorchte. Ich konnte gegen ihn nichts ausrichten. Ich konnte meinen Standpunkt nicht vertreten. Mein Vater wollte nichts davon, von mir, von mir nichts hören und nichts wissen. Er wollte nichts von mir. Er wollte nichts von mir haben. Er wollte sich von mir nichts zeigen und nichts sagen lassen. Er war wie meine Mutter. Sie wollten sich von mir, von einem Kind, nichts sagen und nichts zeigen lassen.

Wir haben kein gemeinsames Gefühl von Leid und Schmerz in unserer Wirklichkeit. Es gibt dafür kein Band. Sie ignorieren mein Gefühl und meine Schmerzen. Die Schatten meiner Eltern, die Geister meiner Kindheit, sind Unglücksfälle und Verbrechen, nach denen niemand einem andern hilft.

Was ich selbst tat? Dem Vater zu gefallen. Die Wunden selbst zu heilen. Nur mit der Zeit, wie er mir das empfohlen hatte. Die Wunden zu vergessen. Ich musste doch versuchen mich zu heilen, damit mein Vater auf mich stolz sein würde, weil ich das tat, wie er das von mir wollte. Mein Leid und jeden Schmerz in mir, vor seinen Augen unsichtbar, und die Erinnerung daran nach außen hin verschwinden lassen.

Den folgenden Text, eine Email von Alice Miller an Jordan Riak, von NoSpank, gibt es nur in dieser englischen Fassung.

From: Alice Miller (———–)

To: Jordan Riak (riak@nospank.net)

Sent: Monday, January 8, 2007, 9:28 AM

Subject: Plain Talk About Spanking

Dear Jordan,

Thank you so much for your clear, true, brave and convincing booklet. It should be offered free to every parent immediately after the birth of EACH of their children. The problem is that mothers spank their toddlers as soon as they start to walk and touch „dangerous“ things, to teach them what they shouldn’t touch „for their own good“. In a survey I ordered 4 years ago in France 100 women were asked when they felt compelled to spank their child for the first time. 89 of them answered: when the child was 18 months. 11 mothers said that they didn’t remember exactly the age of the child but NO ONE said that she never spanked her child.

Today it happened to me that together with your mail I read an interview with Bruce. D. Perry whose research on the child’s brain I very much appreciate. Now, I was very surprised by his statement that fortunately only 20% of people who were maltreated become violent in their later lives. I think that by saying this he may have forgotten the violence directed towards children. I would say that almost everybody who was maltreated in early childhood tends to minimize or even glorify this kind of treatment. Their empathy for the pain of children has been killed. For that reason most people don’t realize that spanking a child IS INDEED AN ACT OF VIOLENCE, THE MOST AWFUL AND THE MOST DENIED WE CAN IMAGINE. Denied even by people who should know better.

If you want you can publish this letter on your site and you can send it to Dr. Perry (without my e-mail address).

With best wishes for the New Year,

Alice